Kultur : Linzer Tort

Kulturhauptstadt 2009: Zur Halbzeit gibt es Krach

Frank Vollmer

Harald Gebhartl will nicht nach Südafrika. Nicht dieses Jahr und nicht beruflich. Genau das, sagt der Leiter des Theaters Phönix in Linz, sei von den Organisatoren des Kulturhauptstadt-Jahrs aber an ihn herangetragen worden. Das Theater sollte in Südafrika Workshops veranstalten und nach einem Jahr zurückkehren. So wäre das jährlich von 25 000 Zuschauern besuchte Haus für Kulturhauptstadt-Projekte frei geworden: Man wollte die Räume nutzen, ohne die Künstler.

Linz, Hauptstadt des Bundeslands Oberösterreich, ist zusammen mit der litauischen Hauptstadt Vilnius Europas Kulturhauptstadt 2009. Zur Halbzeit ist der Ärger groß an der Donau. Die freie Szene, so Gebhartl, wird mit kleinen Projekten abgespeist, „Linz 09“ ist ein einziges Gastspiel. Nur wenige der 220 Projekte erregen überregionales Aufsehen, Linz reimt sich auf Provinz: Der alte Witz ist nun oft zu hören. Von einer vertanen Chance spricht der Unternehmensberater Conrad Lienhardt. Es fehle der rote Faden, die Idee, die die Stadt zu einer Metropole des europäischen Geistes machen könnte. In der zweiten Jahreshälfte wird es kaum besser werden: Essen, die engagierte Kulturhauptstadt 2010, wird dann bereits viel Aufmerksamkeit abziehen.

Die Idee, Linz als „Kulturhauptstadt des Führers“ zu vermarkten, wie mit der Ausstellung zur NS-Kulturpolitik geschehen, sei spektakulärer Blödsinn, ergänzt Gebhartl: Hitler ging halt hier zur Schule. Die Konzentration auf die braune Vergangenheit, die Hitler zum pompösen Alterssitz ausbauen wollte, sei ein später Sieg der Nazis, sagen andere. Der Gästezustrom bleibt derweil überschaubar. Das Kultur-Plus bei den Übernachtungen gleicht das Minus durch die Wirtschaftskrise aus, sagt Tourismusdirektor Georg Steiner. Linz liegt sogar leicht im Plus, anders als Wien, Graz und Salzburg; das sei ein schon vor der Reisezeit stabilisierender Faktor. Begeisterung klingt anders.

Der Intendant der Kulturhauptstadt, der Schweizer Martin Heller, kann die Kritik indes nicht verstehen: Man habe die richtige Mischung gefunden, sagt er. Gewiss seien bewegte Diskussionen geführt worden, das sei aber eher einer allgemeinen Verunsicherung geschuldet. Umso wichtiger sei es, die doppelte Traumatisierung von Linz durch den Nationalsozialismus und die aktuelle Krise herauszuarbeiten. Ob „Linz 09“ die Mentalität der Stadt verändern kann? Eine Anschlussorganisation wie in Lille, der Kulturhauptstadt 2004, wird es wohl nicht geben. Das entwertet laut Heller aber nicht das Konzept. Eine Kulturhauptstadt brauche kein Motto vorzugeben. Wir sind doch kein Gemeindefest. Frank Vollmer

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