Kultur : Lippen schweigen

Joachim Scholl

Nichts kann unheimlicher sein als Schweigen am Telefon. Eine Mutter ruft ihren Sohn in Berlin an. Aus Griechenland. Sagt, der Großvater ist tot. Keine Antwort: "Hörst du mir zu?" Sie erzählt weiter, davon, dass sie den Sterbenden in den Armen gehalten habe und seine Augen im Moment des Todes leuchteten. "Das ist schön", antwortet der Sohn, und erst jetzt beginnen die beiden miteinander zu sprechen. So zögerlich, mit bedrückenden Pausen, verlaufen viele Gespräche in diesem Roman.

Eine deutsch-griechische Familie trifft sich zur Beerdigung in Messara. Marko, der Erzähler, hat sein Studium abgebrochen und jobbt als Kurier in Berlin. Früher ist er oft gependelt, hat seine griechische Mutter Dimitra, die als Innenarchitektin arbeitet, bei Projekten und Verhandlungen unterstützt, sein deutscher Vater ist schon lange tot. Doch mit den Jahren wurden die Besuche seltener, wuchsen Distanz und eine Art Entfremdung, kaum begründbar. Marko spürt, dass irgendetwas fehlt, ungeklärt ist, ausgesprochen werden muss. Marko macht sich auf den Weg nach Messara, zurück zu den vielen rätselhaften Geschichten, die sich die Familie über Großvater Panajotis erzählt, zurück auch zur eigenen Kindheit und Jugend in einem sonnenüberstrahlten Griechenland, das für ihn Heimat und Fremde zugleich ist.

Andreas Schäfer, manchem Leser als pointierter, frecher Feuilletonist der "Berliner Zeitung" bekannt, hat einen bemerkenswert ruhigen Roman geschrieben. Eher in einem sanften novellistischen Ton, mit klarer und unaufdringlicher Sprache, entwickelt er seine Geschichte, deren Dramatik ganz innerlich bleibt, fest eingelagert in den Empfindungen der Protagonisten. Der Großvater wird dabei zur Projektionsfläche alter Ressentiments und Versäumnisse. Als schillernde, seltsam abwesende Figur bildet Panajotis, der Patriarch und Frauenheld, in den Erinnerungen der Verwandten eine Leerstelle. Nichts wird richtig ausgesprochen, doch eine durch Pietät nur matt gedämpfte Aggression schwingt noch in den harmlosesten Worten mit. Auch Marko, der eigentlich dahinterkommen will, wer sein Großvater in Wirklichkeit war, wird von dieser Atmosphäre eingesogen. Die Rolle des coolen Beobachters verliert sich rasch, eine Suche nach Identität, Selbstvergewisserung setzt ein, die immer mehr das Verhältnis zur Mutter in Frage stellt.

Souverän gestaltet Andreas Schäfer diese Spannung, die sich nie löst und dem Roman seine eigentümlich vibrierende, fast ängstliche Stimmung verleiht. Ein leises Zagen weht durch diese griechische, hitzeverbrannte Landschaft, ohne je zu Sprache zu kommen. Das ist literarisch famos gemacht, mit der Konzentration und Genauigkeit eines knapp-nüchternen Stils, der die emotionalen Kriechströme der Familie immer dann messbar werden lässt, wenn eigentlich nichts zu passieren scheint: "Bitte nicht jetzt, sagte meine Mutter, als sie aus der Küche kommt." Andreas Schäfer hat ein feines, ein schönes Debüt vorgelegt. Ohne Gehabe und Pomp. Beeindruckend sicher, schlicht und unprätentiös formt er eine Erzählung, die ihre Klugheit mit einfachen Sätzen tarnt und zugleich von jenem Geheimnis der Literatur zart überstäupt ist, dass sie keine Fragen beantwortet, sondern nur verstärkt. Nach der Beerdigung entscheidet sich Marko, allein in Messara, im Totenhaus, zurückzubleiben. "Aha", lautet der Kommentar der Mutter. Sonst sagt niemand etwas.

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