Kultur : Lippenstiftbekenntnisse

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Ryan Turner, erfolgreicher Wall-Street Broker, schält sich aus den Seidenlaken seiner vormittäglichen Bettgespielin. Eben noch hat er der Millionärsgattin Veronica am rechten Zeh gelutscht, während sie mit ihrem Mann telefonierte. Nun steigt er in den feinen Anzug, zieht die Krawatte zurecht und schnappt seine Tasche. Die im Bett Zurückgelassene versucht ihn aufzuhalten: „Donald ist noch zum Golfspielen verabredet!“ Ganz recht, mit Ryan. Denn Ryan liebt das Risiko.

In dieser Rolle ist Charlie Sheen zurück an der Wall Street. Als junger Bud Fox stürzte er einst in Oliver Stones „Wall Street“ – an der Seite von Michael Douglas – schon einmal über einen Börsen-Deal. In Steve Rashs Liebeskomödie „Good Advice“ versprüht er nun erneut den Charme des erfolgsfixierten Draufgängers. Der Unterschied? Die Story ist seichter, die Mobiltelefone sind kleiner geworden. Ein Insider-Tipp, den Golfpartner und Medienmogul Donald Simpson (Barry Newman) Ryan gibt, soll sein Leben verändern. Siegesgewiss setzt er alles auf eine Karte – und verliert. Der Tycoon Simpson hat ihn reingelegt. „Es gibt auf dieser Welt keinen stärkeren Antrieb als Geld oder Rache“, belehrt ihn der betrogene Ehemann. Der clever eingefädelte Verrat hat seinen Preis: Turner verliert auf einen Schlag 52 Millionen Dollar, seinen Job und die Lizenz als Broker. Seine Freundin Cindy Styne (Ex-Bond-Girl Denise Richards) - eine Kummerkasten-Kolumnistin, deren Fingerspitzengefühl sich auf rot lackierte Nägel beschränkt - macht sich prompt mit einem reichen Brasilianer aus dem Staub. Dem depressiven Turner, der von Champagner auf Dosenbier umgestiegen ist, hinterlässt sie ihre kleine Wohnung und ihre Kolumne „Ask Cindy!“.

Routinier Steve Rash hält sich streng, aber angenehm unangestrengt, an das Erfolgsrezept Sommerkomödie. Der Film plaudert – und das souverän. Sheen trägt die Züge seines ehemaligen Wall-Street-Counterparts Douglas: eine Weichspül-Männergestalt, die beim Absturz aus den Börsen-Höhen eine vorteilhafte Sorgenfalte hinzugewinnt. Und Richards als schrille Kolumnistin erinnert ein wenig an Verona Feldbusch.

Mit dem Auftritt der attraktiven Chefredakteurin Page Hensen (Angie Harmon) schöpft Ryan wieder Hoffnung – auch auf Geld. Er nimmt sich ein Herz und einen Laptop und schreibt kurzerhand Cindys Ratgeber-Kolumne weiter – anonym, versteht sich. Über Nacht mutiert der Womanizer zum Seelentröster, und die ehemals miserable Ratgeber-Kolumne wird zum Hit der angeschlagenen Zeitung.

Mit gerade noch komödientauglichem Pathos erschreibt Ryan sich die Problemzonen der weiblichen Seele, beschwört die Daseinsberechtigung von Damenbärten, parliert sich mit Lippenstiftbekenntnissen durch die Welt der Geschlechter und erwärmt schließlich sogar die kalte Schulter der Chefredakteurin. Ein nicht unbedingt origineller, aber durchaus amüsanter Pas de deux mit turbulenten Verwicklungen: Schließlich läuft die Kolumne noch immer undercover. Bis eines Tages die wahre Cindy – enttäuscht von ihrem südamerikanischen Millionär – ahnungslos nach New York zurückkehrt. Wie hatte doch gleich Donald Simpson gesagt? Geld und Rache sind die treibenden Kräfte im Leben. Dorte Huneke

In 13 Berliner Kinozentren; Cinestar im SonyCenter (Originalfassung)

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