Kultur : Literarisches Colloquium: Eine Lesung mit Robert McLiam Wilson

Grit Thönissen

Wenn irische Schriftsteller in Deutschland aus ihren Werken lesen, sind auch immer einige Bartträger mit Jutetasche da - augenscheinlich als Doppelgänger von Harry Rowohlt. Egal ob die Schreiber aus Nord- oder Südirland kommen. Obwohl: "Da ist ein Unterschied", sagt der Übersetzer Bernhard Robben. "Wenn sie aus dem Süden kommen, schreiben sie über alles. Wenn sie aus dem Norden kommen, schreiben sie über den Norden." So wie Robert McLiam Wilson: Er liest im Literarischen Colloquium aus seinem Buch "Eureka Street"(1997). Es handelt von grausamen und romantischen Katholiken - "Frauen mögen solche Typen" - und hässlichen und dummen Protestanten, die mag Wilson. Die Zuhörer kennen die Geschichte vom Alltag in Belfast: vertrautes Lachen. Wenn der Autor zwischendurch raucht, berichtet er von seinem Schriftstellerleid: Habe man erst einmal ein Buch über Nordirland geschrieben, wollen die Leute noch so eins. Das findet er langweilig. Deshalb bekommt das Publikum eine absurde Passage aus Wilsons neuem Roman "The Inflatable Citizen" ("Der aufblasbare Bürger") vorgelesen. Es geht um Monsterspinnen, eine irische Mutter und ihren 25-jährigen Sohn. Robert McLiam Wilson ist nicht nur für diesen Abend in Berlin. Seit fünf Wochen versucht er hier "The Inflatable Citizen" zu Ende zu bringen. Dazu wohnt er im Literarischen Colloquium am Wannsee. Mit anderen Autoren: "Die schreiben vor dem Frühstück ein Kapitel und danach lesen sie Heidegger." Aber auch Wilson profitiert von seinem Aufenthalt, ein neuer Haarschnitt von einem Kollegen und ein deutscher Satz: "Die Katze ist glücklich." Das sind auch die Zuhörer und zwar wunschlos: Keine Fragen an den Autor. Man wartet lieber noch ein Jahr - auf sein neues Buch.

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