Kultur : Literarisches Quartett: Die ewige Fußnote

Helmut Böttiger

Niemand konnte Böttiger leiden. Sämtliche Geistesgrößen aus Weimars klassischer Zeit, mit Goethe und Schiller angefangen, griffen bei Böttiger zu Worten, die man nicht von ihnen erwartet hätte: "Arschgesicht" und "Vogelscheuche" sind nur einige von ihnen. Und als Böttiger im Jahre 1804 Weimar verließ, richtete Goethe an Wilhelm von Humboldt den Stoßseufzer, dass er sich nun "in Weimar wie im Himmel" fühle. Der Transzendentalphilosoph Schelling begründete sogar die spezifisch deutsche "Schmeißfliegen"-Tradition: Böttiger sei wie eine große dicke Schmeißfliege, die sich nicht nur auf einzelne Produkte, sondern auf die gesamte Literatur niederlasse.

Das verriet ziemlich deutlich die Richtung, aus der der Wind wehte: Böttiger war ein Kritiker. Ein Parasit. Das Sekundäre hatte man in Weimar nicht so gern. Hier galt das Originalgenie noch etwas, der Dichter selbst. Wenn schon kritisiert werden musste, dann erledigten das die Dichter untereinander, mittels diverser Zeitschriften, die eigens zu diesem Zweck gegründet wurden. Für Existenzen, die sich daran hefteten und über Dichtung schrieben, aber selbst keine produzierten, gab es noch gar keinen Platz. Böttiger aber suchte denselben. Sein Name steht für ein Programm.

Von Böttiger überlebt hat im Grunde nichts. Sein Name blieb höchstens im Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller haften, wo er mehrfach sein Fett abkriegte. Sein Los war das einer Fußnote, im Schwitzkasten der Goethe-Schiller-Exegeten. Jetzt aber scheint seine Zeit gekommen zu sein. 168 Jahre nach seinem Tod, vor nunmehr drei Jahren, veröffentlichte der Aufbau-Verlag Böttigers "Literarische Zustände und Zeitgenossen. Begegnungen und Gespräche im klassischen Weimar", und das Buch hatte einen spektakulären Auftritt im "Literarischen Quartett" und schaffte es bis in die Spitze der "Bestenliste" des Südwestrundfunks. Der Kritiker hatte es geschafft: Er war in den Mittelpunkt gerückt.

Böttiger konnte nicht ahnen, dass das, was man heute "die Medien" nennt und woran er um 1800 regen Anteil hatte, längst nicht mehr im Schatten der Genies steht - ganz im Gegenteil. An die Stelle der Genies sind die Medien getreten. Wie Böttiger zum Kritiker wurde, ist deshalb eine Urszene des Literaturbetriebs: womöglich tritt hier viel klarer zutage, was es mit der Literaturkritik auf sich hat.

Als Karl August Böttiger 1791 im Alter von 31 Jahren Rektor des Gymnasiums in Weimar wurde, hatte er sich mit klassischer Philologie beschäftigt und fühlte sich dem spät gewordenen Geist der Aufklärung verpflichtet. Dass er in etwas hineingeriet, was man später emphatisch "deutsche Klassik" nannte, interessierte ihn nur am Rande. Seine Beschreibungen der Sitzungen des Weimarer Gelehrtenvereins und langer Dispute mit Wieland, Herder oder Voß über den korrekten Umgang mit griechischen Versmaßen geben darüber reichlich Aufschluss, vor allem mit Wieland kann er sich endlos über Hebungen und Senkungen austauschen.

Der knifflige Punkt in Böttigers Biografie aber ist sein Hang zum Journalistischen. Das war weit entfernt vom genialischen Impuls der damaligen Poetereien: er versuchte unentwegt, dem Akademischen auch im Tagesgeschäft eine Bahn zu brechen, und nutzte dabei die neu entstehenden bürgerlichen Journale. Böttiger gab von 1794 bis 1809 den "Neuen Teutschen Merkur" heraus, jahrelang auch das "Journal des Luxus und der Moden", und dabei ging es vor allem um eine spätaufklärerische Repetiertätigkeit, um ein mechanisch anmutendes Sammeln. Und mit dieser Haltung trat er nun auch den neuen genialischen Dichtern gegenüber, die sich von diesem Mainstream längst abzuwenden versuchten. Mit dem Kathederwissen konnte Böttiger nichts mit der sich herausbildenden Klassik von Goethe und Schiller anfangen und schon gar nichts mit der Romantik - aber er hat gerade dadurch die Haltung des Kritikers eingeübt.

Die von Goethe und Schiller erkämpfte Autonomie der Kunst war ihm ein Dorn im Auge. Für ihn sollte die Kunst ihren Platz mitten im Leben haben. Das ist ziemlich aktuell: das fordern die maßgebenden Kritiker immer. Was bei Böttiger die Spätaufklärung war, kam später im Gestalt eines "gesunden Menschenverstands" daher, und der verlieh den Kritikern immer die bereitliegendsten und scheinbar schärfsten Argumente. Dass es letztlich auch die verfehltesten Argumente sind, merkt man vor allem im Fernsehen nicht so schnell, und darauf kommt es mehr denn je an. Denn was in Weimars Glanzzeit, mit dem Zaungast Böttiger, anfing, die Literaturkritik als etwas Eingeschobenes und Vermitteltes, aus einem diffusen Zwischenbezirk, einem Schon-nicht-Mehr und einem Noch-Nicht, das findet in der Fernseh-Talkshow seine konsequenteste Ausprägung.

Auch Böttiger muss etwas gehabt haben, was ihn nicht am wissenschaftlichen Duktus festkleben ließ, sondern nach Resonanz suchte und nach konkreterem Halt im Jetzt. "Morgenscenen im Putzzimmer einer reichen Römerin. Ein Beitrag zur richtigen Beurtheilung des Privatlebens der Römer und zum besseren Verständniß der römischen Schriftsteller" heißt sein Hauptwerk. Der Journalismus war für ihn die Möglichkeit, einer bürgerlichen Normalität das Feld zu bereiten; da entstand etwas jenseits aller Literatur, was die Literatur aber auch irgendwie brauchte.

Das allzu Akademische auf der einen und das schnöde Konversationsgeplauder und Pointenhaschen auf der anderen Seite: das sind bis heute die beiden ärgsten Erscheinungsformen der Literaturkritik. Das ist in den frühen Journalen der bürgerlichen Epoche bereits angelegt und muss wohl so sein. "Kritik" als eine eigenständige Gattung, die sich Lyrik, Dramatik und Prosa ebenbürtig zeigt, ist immer die große Ausnahme gewesen: Namen wie Lessing oder Friedrich Schlegel deuteten eine Richtung an. Im zwanzigsten Jahrhundert hat Walter Benjamin dafür so etwas wie eine eigene Textsorte erfunden. Die Kritik ist mit denselben Maßstäben zu messen wie die Literatur selbst, sie lebt von ihrer Subjektivität, von Sprache, von ihrer Unverwechselbarkeit. Mit dem flächendeckenden Studienratston, der jahrzehntelang die Feuilletons beherrschte und zeigefingernd das Proseminar rekapituliert, hat sie genausowenig zu tun wie mit Service, Populismus und Quote.

Die Attitüde einer scheinbar unangreifbaren Objektivität, hinter die sich der Kritiker zurückzieht - das ist in der schriftlichen Kritik, wie sie in den Nischen einer Handvoll Zeitungen noch existiert, auch heute noch die leichteste Übung. Es ist recht lustig zu beobachten, wie sich die jeweiligen akademischen Moden auch in den einschlägigen Literaturkritiken wiederfinden. In den siebziger Jahren wanden sich die Sätze noch schwer nach dem Groove Adornos und hatten immer eine Schlagseite zu sich materialistisch gerierenden Wortgründen. In den Achtzigern machten sich rasch Lacancan und Derridada auf den Tanzflächen breit, jedes zweite Wort hieß "Diskurs" oder "Begehren"; und seit den Neunzigern hat man es gern mit einer irgendwie amerikanisch tuenden Coolness, die hauptsächlich von Computersprachen und von Niklas Luhmann herrührt. So hat im Moment, vor dem Hintergrund des allfälligen Possenreißens in Funk und Fernsehen, ein etwas blasierter Durchblicker-Gestus Konjunktur.

Die Sache mit der Subjektivität, das Entscheidende bei einer Literaturkritik, ist tatsächlich ziemlich schwierig geworden: Da hat man spätestens seit Foucault gelernt, dass es so etwas wie ein fest umrissenes Ich nicht mehr gibt, aber man selber ist ja da. Da hatte es Böttiger viel leichter: Das bürgerliche Ich wurde damals gerade erst erfunden. Und bei dieser Sache, wenn auch unbewusst, dabeizusein - das immerhin hat er allen teutschen Merkuren und Luxus- und Moden-Journalisten von heute voraus.

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