Literatur als Comic : Unbehagen am Berg

Immer mehr Comiczeichner setzen literarische Texte um. Besonders beliebt: Die fiesen Geschichten der Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer. Gleich zwei Neuerscheinungen lassen sich von ihr inspirieren.

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Überall ist Luft. Zeichnung aus Sascha Hommers "Dri Chinisin", einer Adaption von Kurzgeschichten der Hamburger Autorin Brigitte Kronauer. Illustration: Sascha Hommer / Reprodukt
Überall ist Luft. Zeichnung aus Sascha Hommers "Dri Chinisin", einer Adaption von Kurzgeschichten der Hamburger Autorin Brigitte...Illustration: Sascha Hommer / Reprodukt

"Hornochse! Das böse, sehr böse Wort." Mit diesen Worten beginnt Brigitte Kronauers Erzählung "Im Gebirg". Die 1979 geborene Zeichnerin Gosia Machon hat ihrer Adaption dieses dichten, beklemmenden Psychogramms eines Bergwanderers ein Poster mit diesen Worten beigelegt. Massive Buchstaben, der dräuende Gebirgskörper im Hintergrund.

Die vierfarbigen Flachdruckgrafiken, die zusammen mit der 2004 erstveröffentlichen Erzählung in der Reihe "Tolle Hefte" bei der Büchergilde Gutenberg erschienen sind (32 Seiten, 16,90 €), illustrieren Kronauers Text nicht bloß, sie sind ihm als Block vorangestellt, symbolische Blitzlichter, eigenständige Interpretationen, kongenial in ihrer Wucht, ihrer zugleich archaischen und ironischen Anmutung: ein Familienfoto, eine Sanduhr, ein Verlorener im Geröll.

Machons Grafiken sind so stimmungsvoll und böse wie die Vorlage, und sie sind ein künstlerisch hoch ambitioniertes Beispiel für den Trend, literarische Texte ins Medium Comic zu übertragen. Knesebeck etwa hat Adaptionen von Kafka über Proust bis Dante im Programm, Schnitzlers Novelle „Fräulein Else“ liegt bei Avant als Comic vor. Und sogar Suhrkamp hat für Herbst gezeichnete Versionen von Handke- und Walser-Texten angekündigt.

Die Texte von Brigitte Kronauer allerdings scheinen sich einer simplen Übertragung zu sperren. Dass das gut so ist, dass auch andere Comic-Künstler sich von Kronauers fiesen Geschichten und lapidarer Sprache aufs Produktivste inspirieren lassen, zeigt Sascha Hommers neuer Band „Dri Chinisin“ (Reprodukt, 80 Seiten, 14 €, Leseprobe hier). Der Hamburger hat mehrere Texte der 70-jährigen Büchner-Preisträgerin assoziativ und atmosphärisch packend umgesetzt.

Die Titelgeschichte erzählt, textlich stark gekürzt, vom nächtlichen Doppelleben einer Gruppe gruseliger Kindergartenkinder. Sie wandern über einen Friedhof, singen das Lied von den Chinesen mit dem Kontrabass, „das Verschen, wo die Polizei fragt, was das ist“ – Hommer findet starke, reduzierte Bilder, zeigt Manga-hafte Kindergesichter, entwirft mit klarem Strich die Holzklötzchenwelt der Spielzimmer, der Elternhäuser. Aber auf dem Friedhof, nachts, da verwischen die Formen.

Überhaupt: Jede der Geschichten hat bei Hommer eine eigene, souverän gewählte Form. Etwa die schwindelerregend eingegitterten Zootiere in „Ende für einen Anfang“. Oder die surreal aufgetürmten Felsen und Hänge in „Die hohen Berge“. Hier ist wieder das Motiv. „Die Landschaft ist nur ein Echo auf etwas von früher“, schreibt Kronauer. Hommers Zeichnungen rühren an dieses Etwas.

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