Literatur : Apollon von Mainhattan

Sex, nein danke: Im Roman "Was davor geschah" ringt Martin Mosebach um das reine Körperbild.

Meike Feßmann
Jungfräuliche Zucht. Die Marmorskulptur „Frileuse“ (1783) des französischen Bildhauers Jean-Antoine Houdon im Frankfurter Liebighaus.
Jungfräuliche Zucht. Die Marmorskulptur „Frileuse“ (1783) des französischen Bildhauers Jean-Antoine Houdon im Frankfurter...Foto: ddp

Wer auf der glatten Oberfläche von Martin Mosebachs Prosa ins Schlingern gerät, der hält sich über kurz oder lang an das Korsett der Motive, Allegorien und Symbole. In seinem Roman „Was davor geschah“ reiht Mosebach nach einer „musikalischen Introduktion“ Menschenbilder aneinander. Rasch entsteht ein Potpourri von Figuren, die in verschiedenen Konstellationen gezeigt werden und hinter denen, das merkt man schnell, eine Typologie steckt. Das Ganze ist ein Ideenroman im Gewand eines Gesellschaftsromans. Man könnte auch sagen: ein Marionettentheater, das weniger eine Geschichte erzählt als die Thesen des Autors zur Gegenwart illustriert.

Der Ich-Erzähler ist ein Bankangestellter von 35 Jahren, der nach Frankfurt am Main gezogen ist. Er erinnert an die Hauptfigur aus Mosebachs letztem Roman, „Der Mond und das Mädchen“, jenen ebenfalls in einer Bank arbeitenden „jungen Mann“, der nach langer Suche eine Wohnung für sich und seine frisch angetraute Frau gefunden hat. Dieses Mal geht die Suche schnell, wieder steht ein Baum vor dem Fenster, der die Wohnung in ein sanftes Dämmerlicht taucht. Allerdings wird dieser Baum abgeholzt, nachdem er seinen Zweck erfüllt hat, dem Gesang einer Nachtigall Raum zu geben. „Der Stamm war offenbar gänzlich verfault gewesen.“ Nicht nur die Wohnung, die ganze Straße erstrahlt in „eigentümlicher Helligkeit und Reinlichkeit“. Der erfahrene Mosebach-Leser hat den ersten Fingerzeig erhalten: Wie so oft strukturiert das Oppositionspaar „schmutzig/reinlich“ die Handlung, und wieder geht es darum, was aus früheren Jahrhunderten in die Gegenwart gerettet werden kann.

Der Erzähler hat eine Zuhörerin, seine Geliebte. Doch die Rahmenerzählung ist nur eine Hilfskonstruktion, um den Widerspruch zwischen dem gelehrten Erzählton und den biographischen Koordinaten des Ich-Erzählers zu überbrücken. Am Beispiel zweier Familien, die eine residiert in Königstein im Taunus, die andere im Frankfurter Westend, inszeniert er ein Bäumchen-wechsel-dich-Spiel, bei dem der Erzähler nur Zuschauer ist.

Eines Tages wird dieser von Titus Hopsten, dem Sohn eines scheinbar „perfekten Paares“, das einander mit Höflichkeit begegnet und nie einen „schmuddeligen Ehealltag“ hat einreißen lassen, in sein Elternhaus eingeladen, eine Villa mit schwarzem Swimmingpool. Gern steigt Rosemarie, die Hausherrin, ausgestattet mit der gut erhaltenen, „mild gebräunten“ Üppigkeit einer Maillol-Figur, vor den Augen der jeden Sonntagnachmittag zusammenkommenden Gäste aus den Fluten, um sich bewundern zu lassen.

Bernward, ihr gutmütiger Mann, hält sich im Hintergrund, kümmert sich um die Geschäftspartner und schlichtet kleine Zwistigkeiten. Alle Figuren, die eine tragende Rolle spielen, sind hier bereits versammelt: der stets etwas missgelaunte Titus und seine elfengleiche Schwester Phoebe, das saturierte ältere Ehepaar Schmidt-Flex, dessen ungelenker Sohn Hans-Jörg und seine leuchtend schöne, in Brasilien aufgewachsene Frau Silvi, die als „schwebender Engel“, als „Erscheinung“, aber auch als „Siegesgöttin“ tituliert wird, der libanesisch-österreichische Geschäftsmann Joseph Salam und schließlich Helga Stolzier, eine uneinnehmbare Walküre mit lesbischen Neigungen, die als Stilberaterin tätig ist und in besonderer Verbindung zur Gefährtin des Erzählers steht.

Sie war es auch, die auf den „blütenweißen Kakadu“ kam, als sich die Hausherrin etwas „Kostbar-Lebendiges“ in ihrer Umgebung wünschte. Er wird zum stummen Zeugen gleich zweier Verführungen und ziert als zentrales Symbol nicht umsonst den Umschlag des Buches. Erst seine Kratzspuren machen es möglich, dass Joseph Salam die stolze Helga begehrt. Heldenhaft nimmt er ihren Finger in den Mund, um das Blut zu stillen, und gerät unversehens in einen Furor, der nur deshalb nicht zur Vergewaltigung führt, weil sich Helga mit männlicher Kraft zur Wehr setzen kann. Ausgerechnet diese Beinahe-Vergewaltigung ist die einzige sexuelle Szene des Romans, der zwar von Körpern handelt, sie aber stets nur im Gewand einer leitenden Idee präsentiert.

Es geht in diesem Roman, der auch Ausflüge ins österreichische Waldviertel, nach Kairo und Sizilien unternimmt, nur vordergründig um zwei auseinanderbrechende Ehen und die Rituale der vornehmen Gesellschaft. Martin Mosebachs eigentliches Ansinnen ist die Restitution des antiken Körperbildes. Er will das „große klassizistische Alphabet ausdrucksvoller Körperhaltungen“ in die Gegenwart übersetzen und nimmt dafür in Kauf, dass der Leser manchen Szenen nur mit Kopfschütteln folgen kann.

Mehr als einmal möchte man ausrufen: Nun ist es aber wirklich genug mit den behäbigen Narreteien, mit dem Kult des Umständlichen und der Aufladung selbst kleinster Handlungen mit symbolischer Bedeutung.

Da darf der arme Hans Jörg Schmidt-Flex, vom Vater mit seiner schönen Gattin ins düsterdreckige Gästehaus des sizilianischen Anwesens verbannt, nicht einfach mal eine Zigarre rauchen. Nein, er muss das „Zigarrenkörperchen“ erst umständlich bearbeiten, damit ein Phallussymbol daraus wird, das er nach mühsam vollbrachtem und viel zu lange hinausgezögertem Genuss nicht etwa in einen Aschenbecher legt, sondern in törichter Wut über die Gartenmauer wirft.

Als Silvi, deren Kinderlosigkeit zuvor ausgiebig diskutiert wurde, schreckensvoll fragt, ob das nicht gefährlich sei, begibt er sich auf die Suche nach dem womöglich glimmenden Utensil und kratzt sich dabei an einem Dornengestrüpp die Arme blutig. „Die Zigarre war erbärmlich gewesen, kraftlos, ihr bisschen Glut hatte überhaupt nichts vermocht. Es musste schon gewaltig viel dazukommen, dass eine solche zu Ende geschmauchte Zigarre irgend etwas anzündete: kein Fünkchen, kein rosiges Nest, kein Qualm – nichts war von ihr geblieben.“

„Was davor geschah“ ist ein bis in den letzten Winkel manieristischer Roman, der seine Künstlichkeit durch die Rahmenhandlung bewusst ausstellt. Weil er dem Traum der Antike von der „lebendigen Statue“ neues Leben einhauchen will und alle Körper nach christlicher oder antiker Ikonographie als künstliche Körper formt, kann er den sexuell zugänglichen Körper zwar denken, aber nicht gestalten. Immer wieder macht er Anläufe und immer wieder kommt das Quäntchen Schmutz, das zur Sexualität gehört, der ikonographischen Reinheit in die Quere. Es braucht ein ägyptisches „Zigeunermädchen“, eine nach Kairo versetzte Mignon-Gestalt, um Hans Jörg Schmidt-Flex aus seiner erotischen Lethargie zu reißen. Zum Glück kommt Joseph Salam gerade noch recht, um das Schlimmste zu verhüten.

Auch wenn Martin Mosebach Kleists Schrift „Über das Marionettentheater“ im Kopf gehabt und darauf gehofft haben mag, die Grazie stelle sich über den Umweg unendlichen Bewusstseins ein, möchte man mit Schiller einwenden, dass die Anmut zwar nicht von der Natur gegeben ist, aber den Eindruck von Natur erwecken muss, um schön zu sein.

Martin Mosebach: Was davor geschah. Roman. Hanser Verlag, München 2010. 329 Seiten, 21,90 €. – Der Autor stellt sein Buch am heutigen Mittwoch um 20 Uhr in der Akademie der Künste am Pariser Platz im Gespräch mit Michael Maar vor.

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