Literatur aus dem Iran : Blut muss fließen

Mit „Teheran, Stadt ohne Himmel“ beendet der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan seine Trilogie über Irans Metropole. .

Andreas Pflitsch

Keramat ist ein Widerling. Die Hauptfigur aus Amir Hassan Cheheltans Roman „Teheran, Stadt ohne Himmel“ ist brutal, opportunistisch und vulgär. Dass er sich selbst als Ehrenmann und kultivierten Frauenschwarm wahrnimmt, würde ihn zudem etwas lächerlich erscheinen lassen, wäre er dafür nicht zu furchteinflößend. Der Antiheld steht im Zentrum des dritten Teils von Cheheltans Teheran-Trilogie, die nun, nach „Teheran Revolutionsstraße“ und „Amerikaner töten in Teheran“, komplett in deutscher Übersetzung vorliegt. Das Original von „Teheran, Stadt ohne Himmel“ konnte nur gekürzt und geglättet erscheinen, die beiden anderen Teile sind im Iran bislang an der Zensur gescheitert.

Der Roman erzählt aus den letzten 24 Stunden Keramats. Tala, seine frühere Geliebte, kündigt ihren Besuch an, nachdem sie sich 15 Jahre nicht gesehen haben. Das löst in Keramat verschiedenste Erinnerungen aus. In Rückblicken springt Cheheltan durch die iranische Zeitgeschichte mit ihren dramatischen Verwerfungen: der Putsch der CIA gegen Präsident Mossaddegh 1953, die Islamische Revolution 1979, die Besetzung der US-Botschaft in Teheran 1979, der Krieg, der von 1980 bis 1988 den Iran und den Irak zermürbte, allesamt Wende- und Brennpunkte der jüngeren iranischen Vergangenheit. Keramat ist an allen irgendwie beteiligt und kann von ihnen, auch den katastrophalsten, profitieren. Als iranischer Wendehals ist er sowohl aufseiten des Schahs am Staatsstreich gegen Mossaddegh als auch an der Islamischen Revolution gegen ebendiesen Schah beteiligt. Im Kielwasser der historischen Umwälzungen schwingt sich Keramat, der Anfang der 1940er Jahre als Kind allein und mittellos aus seinem Heimatdorf nach Teheran gekommen war, zu einem erfolgreichen Geschäftsmann auf, eröffnet nacheinander eine Fleischerei, eine Goldhandlung, einen Obstladen und ein Autohaus und wird schließlich mit illegalem Antiquitätenhandel und Drogengeschäften reich. Das alles gelingt ihm mit Bauernschläue, Rücksichtslosigkeit und Kontakten in die Teheraner Unterwelt, die er als einen „Hort des Mannesmuts, einen Altar der Ehre“ verklärt. Sein politischer Opportunismus geht Hand in Hand mit dem wirtschaftlichen Erfolg. Am Ende foltert und quält er in leitender Position im berüchtigten Gefängnis von Ewin im Namen der Revolution deren Gegner. Kompromisslose Härte ist seine Devise, er ist „keiner von denen, die sich den Arsch mit parfümiertem Toilettenpapier abwischen“. Im Kampf gegen die Verweichlichung sieht Keramat eine dringliche nationale Aufgabe, da sich die „dieser Nation eigene Männlichkeit unter dem Druck der weibischen Verhaltensweise dieser Männer, der teuren Parfums und Puder, der Juwelen und der europäischen Gerichte, der ausländischen Sprachen und der Steaks, die man nur mit Messer und Gabel essen konnte, der kurzen Röcke und der enganliegenden Hosen“ zu verlieren drohe.

Diese gefühlte Bedrohung nationaler Würde und religiöser Identität führt zum Furor gegen alles vorgeblich Fremde. Besonders gefährlich und zersetzend aber scheint ihm die Frau „als Quelle der Sünde“ und „Ursache für Mord und andere Verbrechen“. Selbstgerechtigkeit und Paranoia des regelmäßigen Bordellbesuchers Keramat verbinden sich zu einer bigotten Grundhaltung, die Cheheltan der ganzen iranischen Gesellschaft vorhält.

Leider ist Keramat nicht nur charakterlich ein grober Klotz, er ist es auch als literarische Figur. Cheheltan gönnt ihm keine Schattierungen. Als Porträt eines Monsters wirkt der Text passagenweise bis an die Grenze zur Peinlichkeit überzogen: „Keramat ließ sein Messer über dem Kopf kreisen und sah sich nach Opfern um, er witterte den Geruch von Menschenblut, und es war genau das, wonach ihn verlangte.“ Eine innere Entwicklung ist nicht erkennbar, die angebotene Erklärung für sein skrupelloses Verhalten, der sexuelle Missbrauch des Zwölfjährigen durch einen britischen Unteroffizier, bewegt sich auf küchenpsychologischem Niveau. Dass diese schmerzhafte Demütigung zugleich als Chiffre für den Zustand des modernen Iran und sein Verhältnis zum Westen herhalten muss, macht es nur noch schlimmer. Cheheltan lässt Keramat und seiner Geschichte keinen Raum zum Atmen, ein Erzählfluss stellt sich nie ein.

Als wütendes Psychogramm iranischer Befindlichkeiten aber hat der sprachlich dichte Roman seinen Reiz. Cheheltan zeigt, welche gefährliche Wucht die aus dem tief empfundenen Gefühl der – individuellen und kollektiven – Demütigung geborene Selbstgerechtigkeit, gepaart mit Chauvinismus und Opferattitüde, entwickeln kann.

Amir Hassan Cheheltan: Teheran, Stadt ohne Himmel. Roman. Aus dem Persischen von Kurt Scharf. Verlag C. H. Beck, München 2012. 224 S., 19,95 €.

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