Kultur : Literatur Auszeichnung: Die Grammatik des Slang

Roman Rhode

Ihr Urteil fällte die Jury mit knapper Mehrheit und einiger Verzögerung. Dass der diesjährige Premio Cervantes, die höchste Auszeichnung für spanischsprachige Literatur, an Francisco Umbral geht, löst in Spanien nicht nur Begeisterung aus. Denn Umbral, der sich mit langen grauen Haaren und üppigem Foulard als Dandy in der Nachfolge Baudelaires gibt, verkörpert jenes Spanien, das im Bürgerkrieg eine Niederlage erlitt.

Anders als sein Kollege, Freund und früherer Mentor, der Nobelpreisträger Camilo José Cela, wollte sich Umbral nie mit dem Franco-Regime arrangieren. Und auch in neueren Romanen hat Umbral noch den Finger auf Spaniens Nachkriegs-Wunden gelegt. Andererseits schreibt der bekennende "Rote" eine tägliche Kolumne für die konservative Zeitung "El Mundo" über Landespolitik und das Gebaren von befreundeten Künstlern, Aristokraten oder Bandoleros. Als der 1935 in Valladolid geborene Umbral nach Madrid kam, schuf er dort eine für Spanien völlig neue literarische Ausdrucksform. Doch nicht allein die glänzende Metropole spiegelt sich in seinem Werk, sondern ebenso deren Elendsgürtel. Dessen Bewohner hat Umbral zu seinen Protagonisten erhoben - und ihnen erstmals ein unverfälschtes Idiom in den Mund gelegt. Umbral übernimmt den Slang sogar in den eigenen Satzbau. Das Vulgäre hat erst Umbral für die spanische Sprache hoffähig gemacht - wofür ihn sogar die Königliche Akademie lobte. Seine Sprachgewalt, die vor kolloquialen Wortspielen und originellen Satzbrüchen nur so strotzt, hat den Schriftsteller zwar im eigenen Land populär gemacht, ausländische Übersetzer aber haben sich bislang nicht an sein Werk gewagt.

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