Literatur : Autoren im Container

Milena Moser schreibt in „Möchtegern“ über den Literaturbetrieb - und manchmal wird nicht klar, ob sie sich darüber lustig macht oder eher ein Unglück darin sieht.

Klaus Siblewski

Milena Moser hatte eine gute Idee. In ihrem neuen Roman „Möchtegern“ schildert sie, wie eine Casting-Show für Autoren im Fernsehen organisiert wird. Wir lernen die Fernsehverantwortlichen kennen, die Juroren und die Autoren, die sich für diese Sendung bewerben. Die Schweizer Schriftstellerin Milena Moser, die 1963 in Zürich geboren wurde, schildert dieses Personal mit spürbarem Vergnügen. Wer den medienkritischen Zeigefinger vermisst, muss darüber, dass Autoren nach einer erfolgreichen Castingshow in einen Container nach Big-Brother-Vorbild geschickt werden und dort ein Schreibseminar stattfindet, nicht in kulturkritische Verzweiflung fallen. Casting-Shows für Schriftsteller gibt es bekanntlich in milderer Form schon seit langem: der Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gilt dafür als idealtypisches Beispiel.

Milena Moser verfolgt in ihrem Roman aber noch ein zweites Thema, und das mit mindestens gleich großer Intensität: Sie möchte herausfinden, was für einen Charakter Autoren haben, die zwar schreiben, aber noch kein Buch veröffentlicht haben. Moser schreibt also über jene immens große Zahl von Autoren, die geduldig und ohne dazu aufgefordert zu sein, ihre Manuskripte an Verlage senden, sie wieder zurückerhalten und trotz Absagen weiterschreiben – oder auch weiterschreiben müssen. Wer diese Autoren sind und was sie antreibt, Seite um Seite zu füllen und im Grunde sehr genau zu wissen, dass von dem, was sie schreiben, nie etwas in einem nennenswerten Verlag veröffentlicht werden wird, bekommt Milena Moser gut zu fassen. Es ist sogar ihr Verdienst, diese große, in der Öffentlichkeit logischerweise unbekannt bleibende Gruppe von Autoren überhaupt einmal wahrzunehmen.

Dabei beweist die Schweizerin einen scharfen und durch keine Rührseligkeiten getrübten Blick. Viel Sympathie kann sie beispielsweise für den Autorendarsteller entwickeln, der Notizbuch und protzigen Füller aus einem einzigen Grund auf den Tischchen seines Stamm-Cafés zu regelrechten Schreibensembles drapiert: Ihm geht es ganz offensichtlich allein darum, Frauen kennenzulernen.

Bei Moser kommt aber auch die verschämte Hausfrauen-Autorin vor, die aus Angst, sie könnte ausgelacht werden, nicht einmal ihrer Familie sagt, womit sie viel Zeit am Tag verbringt. Ihren Auftritt hat auch die gesundheitsbewusste Autorin, für die das Leben darin besteht, sich fit zu halten. Ob Yoga oder Schreiben, auf welchem Weg sie zu geistiger Frische und körperlicher Entspannung findet, ist ihr gleichgültig. Milena Moser gibt jedoch vor allem jenen vielen Autoren eine Stimme, für die das Schreiben ein Ersatz für das Leben ist, weil sie dem Leben aus Angst vor dem Leben aus dem Weg gehen.

Ein durchaus zeitgemäßes Porträt entwirft Moser auch in der Figur der Mimosa Mein. Sie ist die einzige Autorin, die es geschafft hat. Schon als ganz junge Frau schrieb sie ihre etwas wirren ersten sexuellen Erfahrungen, hatte das Glück, für diese Herzergießungen einer Primanerin einen Verleger zu finden. Von einem auf den anderen Tag wurde sie berühmt, schreibt aber seither diesem Erfolg mit matter werdendem Ehrgeiz hinterher. Diese Schriftstellerin hört in der Wirklichkeit unseres Literaturbetriebs auf viele Namen – Milena Moser bekommt die Realität also auch in dieser Figur durchaus zu fassen.

Warum ist dieser „Möchtegern-Roman“ trotz alledem nicht wirklich geglückt? Die Vorzüge und die Nachteile ihrer Art zu erzählen liegen bei Moser leider dicht beieinander. Sie pflegt einen halbironischen Reportageton, der ihrem Roman im Detail und vor allem auf die Länge nicht bekommt. Im Detail deshalb nicht, weil nicht klar wird, was sie mit ihren vielen Porträts der Autoren, die ans Licht des Literaturbetriebs wollen, erreichen möchte. Will sie diese in ihrem Schreibdrang verstehen? Oder verfolgt sie gar ein ganz anderes, weniger hehres Ziel: Möchte sie diese der Lächerlichkeit preisgeben?

Man hat den Eindruck, als wüsste Milena Moser selber nicht genau, ob sie sich über die gesammelten Vergeblichkeiten ihres Personals lustig machen oder darin ein Unglück sehen soll. Sie schwankt, und die Tragik, die in einem Schriftstellerleben liegt, das ohne öffentliche Wahrnehmung auskommen muss, verliert sie dabei aus dem Blick. Das macht diesen Roman zu einer Satire auf den Literaturbetrieb, aber leider zu einer oberflächlichen und damit flauen Satire.

Die 460 Seiten haben etwas Zermürbendes, und beim gelegentlichen unkonzentrierten Hin- und Herblättern liest man auch das eine und andere Mal die zweite, dem Buch vorangestellte Widmung: „meiner Schreibgruppe vom Dienstagabend.“ Würde ich zu dieser Schreibgruppe gehören, fühlte ich mich auf schlechte Weise benutzt – und würde mir für die Dienstagabende eine neuen Gruppenleiterin suchen.

Milena Moser: Möchtegern. Roman. Verlag Nagel und Kimche, Zürich 2010.

464 Seiten, 19, 90 €.

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