Literatur BETRIEB : Der große Hirsch

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Vor drei Jahren wurde an dieser Stelle der S. Fischer Verlag als „Bayern München der Verlagsszene“ bezeichnet. Damals waren gerade zahlreiche etablierte deutschsprachige Autoren wie Arnold Stadler, Antje Ravic-Strubel, Peter Stamm, Julia Franck und Felicitas Hoppe zu S. Fischer gewechselt. Offensichtlich schien, dass der in Frankfurt ansässige Verlag mit diesen Neuzugängen die Nummer eins in der deutschsprachigen Literatur werden wollte. Allerdings ließ sich seinerzeit nicht absehen, wie langfristig er die Sache angehen würde.

Schaut man sich die aktuelle Situation an, passt der Vergleich mit Bayern München noch besser. Nicht Kiepenheuer & Witsch dominiert mit seinem KiWi-Pop die einheimische Gegenwartsliteratur, nicht Suhrkamp mit seinen Meriten und seiner Kultur von ehedem, sondern S. Fischer. Zu den Obengenannten sind jüngst wieder zwei Autorinnen gestoßen, die lange beim Suhrkamp Verlag waren und dort aufgebaut wurden, die eine eher unbemerkt, die andere zur Buchpreisgewinnerin: Anne Weber und Katharina Hacker. Hacker verließ Suhrkamp, weil der Verlag ihren Roman „Alix, Anton und die anderen“ nicht so setzen lassen wollte, wie Hacker sich das vorstellte: mit zwei nebeneinander herlaufenden, in gleicher Schriftgröße gesetzten Textblöcken. Es wurde dann ein Haupt- und ein Nebenstrang, was ungewöhnlich genug ist und dem Roman nicht gut getan hat. Vermutlich war der Streit um diese Form nur ein Tropfen auf einen heißen Stein, sicher gab es andere Missstimmigkeiten. Der Wechsel aber passt ins Bild. Und siehe da: Bei S. Fischer haben sie Hacker die Flausen mit den zwei Textblöcken gleich ganz ausgetrieben. Ihr neuer Roman, die im Mai erscheinende Fortsetzung von „Alix, Anton und die anderen“, „Die Erdbeeren von Antons Mutter“, ist herkömmlich gesetzt, was sich viel besser liest und Hackers Generationsthema besser zur Geltung bringt. Wie man überhaupt den Eindruck hat: Hier war ein Lektorat richtig bei der Sache und hat für Entstrüppung gesorgt. Hackers Buchpreis-Roman „Die Habenichtse“ hätte das ebenfalls gut gebrauchen können.

Auch Anne Weber hat der Verlagswechsel geholfen. So viel Aufmerksamkeit wie für „Luft und Liebe“ hat die in Paris lebende Schriftstellerin mit ihren drei vorherigen Romanen nicht bekommen, was nicht zuletzt an der Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse lag. Dabei hat Weber sich gar nicht groß verändert. Die „Zwangsjacken der ersten Person“, wie es in „Luft und Liebe“ heißt, versucht sie seit ihrem Debüt „Erste Person“ abzustreifen. Träumte in diesem die Erzählerin vielsagend von „tausendjährigen Penissen, die leicht im Wind schwenken“, so stellt sich im neuen Roman die „lesende Schriftstellerin“ vor, wie sie dabei ist, „mit der rechten Hand ihr nicht vorhandenes Glied zu fassen und den kleinen Finger vor einem unsichtbaren Strahl zu schützen.“

Wie immer man das deuten mag: Anne Weber ist stets auf der Suche nach dem schreibenden Ich. Vielleicht ist sie das in „Luft und Liebe“ eine Idee lockerer und entspannter als in ihren vorherigen Büchern – und vielleicht hat das tatsächlich mit ihrem neuen Verlag zu tun.

Webers Nominierung war jedenfalls eine Überraschung. Wenngleich sich die Dominanz von S. Fischer in der deutschsprachigen Literatur nicht automatisch auf die Nominierungslisten für die Buchpreise in Leipzig und Frankfurt auswirkt. Da stehen sich die S.Fischer-Autoren eher im Weg, da wird immer ein Verlagsproporz bei der Auswahl mitgedacht. So werden zum Beispiel auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis niemals gleich zwei Bücher aus ein und demselben Verlag stehen.

Aber es gibt ja noch andere literarische Betätigungsfelder. So startet S. Fischer im Mai eine Lateinamerika-Offensive mit drei Neuerscheinungen, nachdem die Spanien- und Lateinamerika-Expertin Michi Strausfeld den Suhrkamp Verlag 2008 nach jahrzehntelanger Tätigkeit verließ und nun gleichfalls bei S. Fischer angedockt ist. Und so machte nach den Kündigungen von Michael Naumann und Klaus Harprecht bei Eichborn gleichfalls das Gerücht die Runde, der S. Fischer Verlag würde sich für die „Andere Bibliothek“ interessieren. Auf dass eines Tages vielleicht gar wirklich einmal die Rede von der „S.Fischer-Kultur“ sei.

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