Literatur BETRIEB : Die große Ausdauer

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Neulich war der Schriftsteller Jan Koneffke in Berlin, um wie so viele seiner Kollegen schon in diesen Tagen in kleinen Runden mit höchst sorgfältig von Agenturen oder Verlegern ausgewählten Gästen sein neues, Ende August erscheinendes Buch vorzustellen, „Die sieben Leben des Felix Kannemacher“. Als ich mich im Vorfeld dieser Buchpremiere mit einem Kollegen darüber unterhielt, welche Bücher von Koneffke wir schon gelesen und besprochen hatten, stach mir zu Hause das Exemplar seiner Debüterzählung „Vor der Premiere“ ins Auge, erschienen 1988 bei der Frankfurter Verlagsanstalt. Das Buch hatte meiner 1991 verstorbenen Tante gehört, ich stöberte es nach ihrem Tod in der Scheune meiner Großmutter auf, zusammen mit Jean-Paul-, Benn-oder Maupassant-Ausgaben.

Jan Koneffke „erzählt eine Geschichte über Identität, über eine Figur, der am wenigsten Würde gelassen wird“, so steht es im Klappentext. Doch erzählt dieses „Vor der Premiere“-Exemplar auch eine Geschichte über die Wege, die Bücher zurücklegen, über Personen, die mit diesen Büchern mal mehr, mal weniger zufällig zu tun haben, und nicht zuletzt einiges über die Vergeblichkeit von Literatur, ihre Schnelllebigkeit. In dem Koneffke-Exemplar fand ich den Brief einer Freundin meiner Tante, mit lila Tinte geschrieben, in dem es zunächst um eine, nicht näher definierte, „Haltung im Wissenschaftsbetrieb“ und einen Baudelaire-Vortrag geht. Dann heißt es: „Ich schicke Dir Jans Buch, bin gespannt, was du dazu sagst. Es ist eigentlich schon einige Jahre alt, die letzte stilistische Überarbeitung hat es zu Brillanz gebracht, finde ich.“ Ob meine Tante das Buch gelesen, die Brillanz der Erzählung erkannt hat? Es sieht nicht sehr gelesen aus. Vielleicht hat ihr das von der Freundin aus der „FAZ“ ausgeschnittene und beigelegte Gedicht von Koneffke gereicht, vielleicht waren beide Frauen gar nicht so gut befreundet. Koneffke berichtet auf Anfrage, die Briefabsenderin sei die langjährige Lebensgefährtin seines 2008 verstorbenen Vaters gewesen. Der Name meiner Tante jedoch sagt ihm nur vage etwas.

Genauso interessant und kryptisch wie diese Spurensuche sind die Titel, die die damals von Ida und Klaus Schöffling geleitete, 1994 von Joachim Unseld übernommene Frankfurter Verlagsanstalt hinten in dem Koneffke-Buch anpreist. Etwa Klaus Nonnenmanns Roman „Teddy Flesh“, den der Schweizer Literaturkritiker und Vater des Schriftstellers Urs Widmer, Walter Widmer, so feiert: „Klaus Nonnenmann hat sich mit diesem großen Roman unter die besten heutigen Erzähler eingereiht.“ Oder Sabine Techels Buch „Mehr als Augen“, das im „Buchjournal“ in höchsten Tönen gelobt wurde: „Eine hervorragende Autorin, weil man sich in ihren Texten verlieren und keine Hoffnung hegen darf, daraus gerettet zu werden. Eine kompromisslose Autorin, frech und also frisch im Umgang mit Sprache – so lässt sich das Sinnliche in der Literatur entdecken.“ Ja, 1988 wurden Bücher mit demselben Überschwang und denselben Formeln gelobt wie heutzutage.  Wer aber ist Klaus Nonnenmann? Und Sabine Techel? Nonnenmann muss 1988 sehr „heutig“ gewesen sein. Und von der Kompromisslosigkeit, der Sinnlichkeit Techels redet auch niemand mehr. Nonnenmann starb 1993. In Artikeln über ihn und seine Bücher steht immer wieder, dass er schon zu Lebzeiten ein „Geheimtipp“ und „literarischer Außenseiter“ war. Und die jüngere, 1953 geborene Sabine Techel hat nach „Mehr als Augen“ kein Buch mehr veröffentlicht. Sie lebt, heißt es in diversen Einträgen, als freie Schriftstellerin und Übersetzerin in Berlin, 2010 war sie beim Internationalen Literaturfestival Berlin.

Von großen Autorenkarrieren kann keine Rede sein – trotzdem scheinen Nonnenmanns und Techels Bücher lesbar gewesen zu sein und Kritiker angesprochen zu haben. Der Lauf der Dinge. Autorenschicksale, die eher die Regel als die Ausnahme sind. Jan Koneffke dagegen bleibt mit regelmäßigen Veröffentlichungen dran, Hartnäckigkeit ist ja eine der obersten Devisen im Literaturbetrieb – und vielleicht hofft er auch darauf, dass aus dem Herbstprogramm 2011 sein neuer Roman zu den wenigen gehört, die in 25 Jahren noch Bestand haben werden.

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