Literatur BETRIEB : Die große Zäsur

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Es ist eine seltsame Situation, in der sich der in der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg residierende Berlin Verlag gerade befindet: Die Verlagsleiterin Elisabeth Ruge hat vor einer Woche ihren sofortigen Abschied verkündet; in London beim Bloomsbury Verlag, dessen Tochter der Berlin Verlag seit dem Jahr 2003 zu hundert Prozent ist, hatte man ein paar Wochen zuvor beschlossen, die gesamte Verlagsgruppe zentraler und globalisierter ausrichten zu wollen. Und in Berlin geht erst mal alles seinen gewohnten Gang, nur eben ohne Ruge. Das Frühjahrsprogramm will betreut werden, das Herbstprogramm 2011 ist fertig, und auch für das Frühjahr 2012 sind die Planungen größtenteils abgeschlossen.

Was aber aus dem Berlin Verlag einmal wird, ist völlig unbestimmt und offen. Auch bei Bloomsbury scheint man über die weltweite Markenprofilierung hinaus und dem nachvollziehbaren Wunsch, die Umsatzverluste der letzten zwei Jahre zu stoppen (bei Bloomsbury wie beim Berlin Verlag), keine präziseren Vorstellungen oder gar radikalen Pläne zu haben.

Zumindest wenn man dem Geschäftsführer des Berlin Verlags Philip Roeder Glauben schenkt, der dem Branchenmagazin „Buchmarkt“ gesagt hat: „Die Strategie der Bloomsbury-Gruppe sieht nicht vor, dass der Verlag in Berlin von London aus geführt wird. Vielmehr soll unter anderem die bereits seit Jahren erfolgreiche Zusammenarbeit der Lektorate in England, den USA und in Berlin noch besser abgestimmt werden, wenn es um international vermarktbare Bücher geht. Das originär deutschsprachige Programm gestalten wir aber selbstverständlich autonom. (...) Die operative Verantwortung liegt bei der Verlagsleitung in Berlin.“

Die Demission von Elisabeth Ruge spricht jedoch eine andere Sprache. Wegen einer besseren Lektoratsabstimmung hätte sie nicht zu kündigen brauchen, wer will dagegen schon was haben? Auch nicht wegen ein oder zwei Büchern mehr, die Bloomsbury von nun an den Berlinern möglicherweise in ihr originäres Programm reicht (und nicht den sowieso schon vorhandenen Labels Bloomsbury Berlin und Bloomsbury Kinder-und Jugendbuch zuschlägt). Und wohl auch nicht wegen des neuen Status’ als Imprint von Bloomsbury und den damit einhergehenden Änderungen im Briefkopf und auf den Visitenkarten:  Faktisch war der Berlin Verlag schon seit Beginn der Partnerschaft ein Imprint von Bloomsbury. Problematisch ist das erst dann, wenn sich die inhaltlichen Befehls- und Entscheidungsgewalten ändern, wenn etwa London nach Berlin kabelt: Wir wollen keine deutschsprachige Lyrik mehr!

Eine Nachfolge für Ruge soll es dem Vernehmen nach nicht geben. Erste Ansprechpartnerin für die Londoner ist nun die Cheflektorin Birgit Schmitz. Und die führt zur Zeit mit ihren Lektoratskollegen Gespräche noch ganz anderer, vermutlich viel bedeutenderer Art: nämlich mit den Autoren und Autorinnen des Verlags. Denn gerade diese dürften ihr nicht unerhebliches Scherflein dazu beitragen, wie es mit dem Verlag weitergeht. Elisabeth Ruge war mit vielen von ihnen aufs Engste verbunden. Von „Wut und Trauer“ hat Ingo Schulze nach Ruges Abschied gesprochen. Gerade ein Leistungsträger wie er ist eminent wichtig für das deutschsprachige Gegenwartsprofil beim Berlin Verlag. Da wäre es ein harter Schlag, wenn Ingo Schulze die unübersichtliche Lage bei Bloomsbury/Berlin dazu verleiten würde, bei einem anderen Verlag unterzuschlüpfen. Andere gewichtige Autoren wie Péter Nádas oder Péter Esterházy könnten ebenfalls geneigt sein, dem Berlin Verlag den Rücken zu kehren, zumal es nicht ganz abwegig ist, dass Ruge eines Tages als Verlegerin woanders aufschlägt, vielleicht sogar mit einem eigenen Verlag. Und auch jüngere Autoren wie Thomas Klupp stimmt Ruges Weggang traurig.

Auf die globale Neuausrichtung im Mutterhaus jedoch hat Klupp mit einer ordentlichen Portion Humor reagiert. Dann müssten sich in Zukunft doch sogar in Missouri oder Alabama ein paar Klupp-Leser finden lassen, so Klupp, und vielleicht werde er dann eines Tages auch einer der ganz großen Autoren in Australien und Katar (wo Bloomsbury einen Ableger gegründet hat). Für irgendwas muss die Globalisierung schließlich gut sein.

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