Literatur BETRIEB : Die großen Verlierer

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Der letzte Donnerstag war ein aufregender Tag für Literaturpreisexegeten. Zunächst gab die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung bekannt, dass Friedrich Christian Delius den Georg-Büchner-Preis 2011 erhält; und ein paar Stunden später kam aus Sydney die Meldung, dass Philip Roth mit dem Man Booker International Prize ausgezeichnet wird. Die Reaktionen fielen gedämpft aus, naturgemäß aus unterschiedlichen Gründen. Der Man Booker International Prize ist nämlich ein neuer Preis, der alle zwei Jahre vergeben wird. Er wurde 2005 erstmals verliehen (an den albanischen Schriftsteller Ismael Kadaré), versteht sich als Gesamtwerkauszeichnung und ist nicht zu verwechseln mit dem renommierteren Man Booker Prize, der jährlich an einen englischsprachigen Roman aus Großbritannien, Irland oder dem Commonwealth geht.

Der Büchner-Preis dagegen ist Deutschlands bedeutendster Literaturpreis. Das verrät nicht nur die lange Liste seiner Träger (von Benn über Bachmann bis Bernhard, zum Beispiel), sondern auch sein Preisgeld von 50 000 Euro. Dass die Begeisterung über die Wahl Delius’ eher verhalten ausfiel, hat weniger mit Delius und seinem Werk zu tun (über dessen ästhetischen Wert sich trotzdem streiten lässt) als vielmehr mit dem jüngsten Büchnerpreistrend: Ob nun Delius, Reinhard Jirgl 2010, Walter Kappbacher 2009, Josef Winkler 2008 oder Oskar Pastior 2006 – in all diesen Fällen sind eher sich im Abschluss befindende Werke ausgezeichnet worden, eine gewisse Ausdauer und Hartnäckigkeit; es sind Rundungen von Schriftstellerlaufbahnen, Kanonisierungen.

Von einem Versprechen auf die Zukunft kann jedenfalls nicht die Rede sein, vom Eingehen eines Risikos, mal wieder jüngere, vielleicht erst fünf, sechs Bücher vorweisende Autoren oder Autorinnen auszuzeichnen. Der letzte vergleichsweise junge Autor war Arnold Stadler. Mit 45 Jahren bekam er 1999 den Preis, vier Jahre nachdem der damals erst 33-jährige Durs Grünbein ausgezeichnet worden war. (Uwe Johnson war 37, als er 1971 Büchnerpreisträger wurde, Peter Handke 1973 gar erst 31 Jahre jung).

Insofern stellt sich tatsächlich die Frage, warum nicht langsam einmal die Wahl auf Marcel Beyer, Ingo Schulze, Sibylle Lewitscharoff oder Rainald Goetz fällt (der ja auch schon weit in den Fünfzigern ist), allesamt Autoren von höchster Güte, sprachbegabt, klug, mit eigenen ästhetischen Vorstellungen. Ihre Namen werden in den nächsten Jahren immer wieder fallen: empört genannt, weil sie leer ausgingen. Oder freudig begrüßt, weil sie es vielleicht doch geschafft haben. So wie die von Autoren aus der Delius-Generation, etwa Uwe Timm, Hans-Joachim Schädlich oder Peter Kurzeck (der stets, wenn ein Buch von ihm erscheint, für den Büchner-Preis empfohlen wird). Diese Autoren aber umweht schon wieder die Tragik und die Ungerechtigkeit, die Preisverleihungen gleichfalls an sich haben.

Womit wir bei Philip Roth wären: Der Man Booker International Prize gut und schön, aber Roth ist eben auch ein ewiger Nobelpreiskandidat und wird, wie es ausschaut, genau wie sein 2008 verstorbener großer amerikanischer Schriftstellerkollege John Updike niemals Literaturnobelpreisträger werden. Da nützt der Man Booker International vermutlich auch nichts. Dessen Vergabe an Roth wird ja von Literaturpreisexegeten als deutlicher Hinweis an die Nobelpreisjury in Stockholm verstanden. Die dürfte nun erst recht bockig werden. Zumal es in Sydney im Zusammenhang mit der Roth-Wahl einen kleinen Skandal in der Jury gegeben hat. Die Frau in der Jury, die britische Verlegerin und Feministin Carmen Calil, fühlte sich von ihren zwei Kollegen übergangen und kündigte ihren Juryaustritt an. Ihre Begründung, bei der sie die expliziten Sexfantasien von Roths oft alternden Helden mit im Hinterkopf gehabt hat, ist freilich selbst arg sexuell konnotiert: „Er macht immer weiter und weiter über immer dasselbe Thema in jedem einzelnen Buch. Es ist, als säße er auf deinem Gesicht und du könntest nicht atmen.“

Roth dürfte das nicht stören, er schreibt nun einmal weiter und weiter. Einen guten, ernsthaften Schriftsteller zeichnet sowieso aus, dass er nur sein nächstes Buch im Kopf hat – und nie den nächsten Preis, den er gewinnen könnte.

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