Literatur BETRIEB : Die tapferen Mittelgroßen

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Die Aufregung hielt sich in Grenzen, als die Verlage Aufbau und Eichborn ihre demnächst sehr enge Zusammenarbeit verkündeten. Der Aufbau Verlag, trotz seiner Tradition, und der Eichborn Verlag, trotz seines höchstwahrscheinlichen Umzuges nach Berlin, sind eben nicht mit Suhrkamp zu vergleichen. Deshalb war in Berlin nicht schon wieder die Rede von der stetig wachsenden Verlagsmetropole noch setzte in Frankfurt die Kommunalpolitik alle Hebel in Bewegung, um Eichborn zu halten. (Dass aber der Eichborn-Betriebsrat nicht begeistert über den Standortwechsel ist, versteht sich, geht doch jeder Umzug mit einem Stellenabbau einher). Die Aufregung hielt sich aber in Grenzen, weil Aufbau und Eichborn seit Jahren Probleme haben, auf dem Buchmarkt für Furore zu sorgen oder symbolisches Kapital in Form anspruchsvoller Literatur anzuhäufen.

Als beispielsweise Thomas Lehr den Aufbau Verlag nach den Wirren im Zuge der Lunkewitz-Demission verließ, ging da ja kein typischer Bestsellerautor, sondern einer, der zu den formbewusstesten, künstlerischsten Schriftstellern hierzulande gehört. Was Lehr dann gleich wieder mit seinem jüngsten, bei Hanser veröffentlichten Roman „September. Fata Morgana“ bewies. Und auch der zu KiWi/Galiani abgewanderte Verlagsleiter Wolfgang Hörner hatte bei Eichborn nicht nur ein Händchen für Bestseller von etwa Sven Regener oder Karen Duve, sondern veröffentlichte Bücher wie Sternes „Tristram Shandy“ in einer Neuübersetzung oder Flauberts „Universalenzyklopädie der menschlichen Dummheit“.

Wie schwer es Aufbau und Eichborn auf dem Markt haben, dafür reicht allein ein Blick in die Bestsellerlisten. Beide Verlage sind aktuell mit keinem Titel in den Top fünfzig vertreten, nicht in der Belletristik, nicht im Sachbuch. Auch bei den Taschenbüchern ist Aufbau mit seiner Taschenbuchreihe nicht platziert. Ob sich das dieses Frühjahr entscheidend ändert?

Bei Eichborn gibt es in der deutschsprachigen Literatur neue Romane von dem soliden Klaus Modick und dem etwas jüngeren, nicht weniger soliden Marc Buhl, dazu kommt ein Titel, der in die Zeit passt und für Aufsehen sorgen könnte. Er stammt mutmaßlich von einer jungen Frau und Migrantin, die unter Pseudonym schreibt: Jamuna Devi erzählt die Geschichte einer 16-jährigen Neuköllnerin, Tochter eines Libanesen und einer Deutsch-Perserin, die sich für viel Geld prostituiert. Für die internationale Literatur sollen es der junge Engländer Mark Watson, der Italiener Andrej Longo, der Tunesier Hedi Kaddour und der Serbe David Albahari richten. Ein anständiges, nicht unbedingt zwingendes Programm.

Nicht viel anders sieht es bei Aufbau aus. Hier versucht man es als Spitzentitel mit der ungekürzten Neuauflage von Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“, nachdem es die Übersetzung des Romans 2009 in den USA und England überraschend in die Bestsellerlisten geschafft hatte. In der zeitgenössischen Literatur geht der Verlag mit einem Bestseller aus Frankreich an den Start, Samuel Benchetrits „Rimbaud und die Dinge des Herzens“, mit einer Familiengeschichte von Richard Wagner, einem Roman des ewig jungen, ewig talentierten Selim Özdogan, dem Roman eines jungen Isländers, den der Verlag als „perfekten Begleiter für Islandreisen“ bewirbt, oder mit Eva Baronskys „Magnolienschlaf“.

Der Gründer des Eichborn Verlags, Vito von Eichborn, würde die meisten dieser Titel wohl als „Kann-Bücher“ bezeichnen: Bücher, die ein Verleger machen, aber auch lassen kann. Im Gegensatz zu den „Muss-Büchern“, „die man aus Begeisterung oder für die sichere Kohle machen muss“. So hat der Mann vor kurzem in einem Interview den Buchmarkt beschrieben und geschlussfolgert: „Wir ertrinken in einer Flut von Kann-Büchern. Die muss man zurückdrängen.“ Nur weiß auch Vito von Eichborn, dass Bestseller sich nicht planen lassen, dass auch „Kann-Bücher“ manchmal Verkaufsschlager werden. Das ist das Schöne am Verlagsgeschäft. Und darauf hoffen nicht zuletzt Aufbau und Eichborn mit jedem Programm aufs Neue.

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