Literatur BETRIEB : Heller Wahnsinn

Mal was anderes in Sachen Suhrkamp, da gibt es ja auch noch Bücher! Ein Blick in das Frühjahrsprogramm des Verlags.

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Als sich Anfang Dezember die Literaturkritik wegen der Zuspitzung des Suhrkamp-Gesellschafterstreits ziemlich geschlossen im Berliner Landgericht in Mitte traf, klagte einer der Kritiker schon vor der Urteilsverkündung: „Jetzt geht der ganze Suhrkamp-Kladderadatsch wieder von vorne los. Jetzt beschäftigen wir uns wieder wochenlang mit diesem Verlag!“ Wie recht er behalten sollte!

Tatsächlich hat man den Eindruck, dass es sich mit diesem Verlag seit dem Tod von Siegfried Unseld im Jahr 2002 wie mit dem täglich grüßenden Murmeltier verhält und die Geschichte des Hauses wegen irgendeiner Verwerfung im Suhrkamp-Gefüge jedes Mal aufs Neue durchbuchstabiert wird. Das war so, als Ulla Unseld-Berkéwicz die Macht übernommen hatte und langjährige hochrangige Mitarbeiter wie Günter Berg oder Rainer Weiß vertrieb; das war so, als Martin Walser 2004 den Verlag mit viel Aplomb verließ; das war so, als Hans Barlach und (der 2010 verstorbene) Claus Grossner im Jahr 2006 die Anteile des Schweizer Mitgesellschafters Andreas Reinhart kauften. Und es war so, als der Verlag Anfang 2010 nach Berlin zog.

Erstaunlich, dass der Suhrkamp Verlag es trotz alledem in jedem Frühjahr und Herbst vermochte, ein vernünftiges, aus dem Vollen schöpfendes Programm auf die Beine zu stellen. So auch in diesem Frühjahr. Wie die Programme zu Zeiten der anderen großen Suhrkamp-Krisen hat dieses Frühjahrsangebot allerdings das Problem, im Schatten des Gesellschafterkampfs zu stehen und in der öffentlichen Aufmerksamkeit womöglich etwas zu kurz zu kommen. Immerhin hat die Welt hinreichend erfahren, dass die Verlegerin selbst wieder ein Buch veröffentlichen wird. Es heißt „Reine Erfindung“ und soll laut Vorschau „nicht Roman noch Gedicht, nicht Essay noch Pamphlet“ sein, sondern „reine Erzählung wie reine Lüge, reine Erfindung“.

Mal abgesehen, dass es nicht geschickt von der Schriftstellerin Ulla Berkéwicz ist, in ihrem eigenen Verlag zu publizieren (machen andere Verleger auch nicht, denn es führt zu Interessenkonflikten), wartet die Literaturwelt auf dieses schmale, 80 Seiten zählende Bändchen nicht mit größter Spannung. Es gibt in dem wieder einmal ausufernden Programm viele Titel, deren Lektüre sich mehr lohnen dürfte. In der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur etwa Ulrike Edschmids RAF-Roman „Das Verschwinden des Philip S.“, Robert Schindels Wiener Gesellschaftspanorama „Der Kalte“ oder womöglich auch Annika Scheffels Suhrkamp-Debüt „Bevor alles verschwindet“.

Noch interessanter erscheinen die Bücher aus der internationalen Literatur, von den Amerikanern William T. Vollmann und David Vann, die zu den angesagtesten, faszinierendsten Schriftstellern der USA gehören und neue Romane vorlegen. Von Nuruddin Farah gibt es mit „Gekapert“ ein neues Buch, mit dem er seinen Romanzyklus über Somalia beendet; auch Amos Oz hat neue Erzählungen geschrieben, die unter dem Titel „Unter Freunden“ erscheinen. Ein Auszug davon wurde von Suhrkamp übrigens als Weihnachtsgruß an die sogenannten Medienpartner verschickt, was nicht ohne Ironie war: Unter Freunden! Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa wiederum hat mit „Alles Boulevard“ einen kulturkritischen, Ulla Berkéwicz sicher aus dem Herzen sprechenden Essay verfasst, der im Sachbuch-Ressort veröffentlicht wird. In diesem erscheinen unter anderem neue Werke des Philosophen Wilhelm Schmid, von György Konrad und Christian Lehnert. Außerdem: Wolfgang Streecks Abhandlung „Gekaufte Zeit“ über die so seltsamen wie bedenklichen Interaktionen von Demokratie und Kapitalismus.

All das ist nur ein Bruchteil dessen, was die 160-seitige Vorschau auflistet (es fehlen etwa Enzensberger, Kluge, Winkler, Passig, zwei neue Graphic Novels undundund), und das Insel-Programm gibt es auch noch. Kurzum: Es ist der helle Wahnsinn, was Suhrkamp Halbjahr für Halbjahr veröffentlicht, ein herrlicher Überfluss – und ein Anachronismus in Zeiten, da sich bei anderen Verlagen jeder Titel rechnen muss. Wäre schade, wenn es das bald nicht mehr geben sollte.

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