Literatur BETRIEB : „Ich schreibe aus Liebe“

Von der Fähigkeit, zu schweigen - und trotzdem sich keineswegs zu verschließen: Über die Festspiele.des Schriftstellers Martin Walser.

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In Martin Walsers Buch „Meßmers Gedanken“ aus dem Jahr 1987 gibt es den schönen Satz: „Da viele, älter werdend, mehr verschweigen können als vorher, kann man von einer Fähigkeit sprechen.“ Walser war damals 60 Jahre alt. Dass die Fähigkeit des Verschweigens bei ihm nicht so ausgeprägt vorhanden war, bewiesen nicht zuletzt die autobiografischen Notizen, Überlegungen und Sentenzen in dem „Meßmer“-Büchlein.

Wie viel Walser so verschweigt, weiß natürlich nur er selbst. Trotzdem macht er auch ein Vierteljahrhundert später den Eindruck, als würde er offen sein wie eh und je, als würde er sich auch im Alter von 85 Jahren keinesfalls verschließen wollen. Walser schreibt und schreibt – und begleitet unermüdlich seine Veröffentlichungen, liest daraus, spricht über sie und anderes. So wie jetzt aus seinem jüngsten Roman „Das 13. Kapitel“, den er vergangene Woche im Berliner Ensemble erstmals vorstellte, gefolgt von Lesungen in Hamburg, Mainz, Stuttgart und gleich mehreren auf dem „Sprachsalz“-Festival an diesem Wochenende in Hall/Tirol.

Im BE hatte man allerdings zunächst den Eindruck, er würde sich verweigern, zu verblüfft war er wohl von den etwas plumpen, den gesamten Roman nacherzählenden Fragen seines Gesprächspartners Wolfgang Herles auf dem Blauen Sofa, noch vor seiner einstündigen Lesung. Als Herles im Anschluss abermals eine seltsame erste Frage stellte, nämlich ob es nicht die Aufgabe von Schriftstellern sei, verständlich zu schreiben (weil Walsers vermeintliches Roman-Alter-Ego Basil Schlupp „die Schwäche, verständlich sein zu müssen“ erwähnt), schien es um die Veranstaltung geschehen zu sein: Walser zuckte mit den Schultern, ratlos, hilflos, antwortete: „Sie sagen es!“ – und besann sich glücklicherweise doch noch auf seine Unterhaltungsqualitäten, Herles-Fragen hin oder her.

Tatsächlich war es nicht nur von hohem Unterhaltungswert, ihn lesen zu hören: Sein Roman klang auf einmal viel besser und lustiger, als er sich im stillen Kämmerlein gelesen hatte. Auch was er danach trotz der Anlaufschwierigkeiten zum Besten gab, lohnte das Kommen. Sei es, dass er über den Unterschied vom Schreiben eines Tagebuchs und eines Romans sprach, sei es, dass er versuchte zu versichern, niemals „gegen jemanden“ geschrieben zu haben, auch nicht in „Tod eines Kritikers“. Am schönsten war die Antwort auf die Frage, was ihn antreibe, woher seine nicht nachlassende Motivation käme: „Ich schreibe aus Liebe“.

Und diese Liebe bekommt er vom Publikum und der Kritik gerade in einem fast übertriebenen Ausmaß zurück: „Das 13. Kapitel“, obwohl wahrlich nicht einer von Walsers besten und wichtigsten Romanen, wurde mit Erscheinen in allen Feuilletons und Kultursendungen groß und zumeist positiv besprochen. Und auch gekauft: Der Roman steht auf Platz 26 der „Spiegel“-Bestsellerliste, bei Amazon auf Platz 18 der Gegenwartsliteraturliste und auf Platz 74 der Bücher überhaupt.

„Ich möchte mich verbergen“, heißt ein anderer Eintrag in „Meßmers Gedanken“. „Wenn ein Wunsch sich so oft meldet, sollte man ihn ernster nehmen, als ich es tue. Ich entscheide mich von Mal zu Mal rücksichtslos gegen diesen Wunsch. Ich nehme Einladungen an, mich zu entblößen.“ Ja, verbergen und entblößen, schweigen und schreiben, das ist bei Martin Walser alles eins. Im nächsten Frühjahr, das verriet er im BE auch noch, erscheint sein inzwischen drittes Meßmer-Buch, „Meßmers Momente“. Die Walser-Festspiele gehen weiter.

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