Literatur BETRIEB : Letzter Paukenschlag

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Auf der aktuellen „Spiegel“-Bestsellerliste gibt es bei den Sachbüchern eine neue Nummer eins: „Wie ausgewechselt“ von Rudi Assauer und Patrick Strasser. Es ist dies kein Buch ausschließlich über die Glitzerwelt des Fußballs, sondern die Autobiografie des einstigen Fußballers und Managers von Schalke 04, die sich im ersten und letzten Kapitel auch mit der Alzheimer-Erkrankung Assauers beschäftigt. Wer das unschöne, tragische Schicksal von Rudi Assauer nur am Rande verfolgt hat, möglicherweise die Reportage über ihn vor zehn Tagen im ZDF gesehen hat, dürfte sich wundern über das perfekte Timing dieser Krankheitsoffenbarung im Zusammenspiel mit Film und Buchveröffentlichung. Da kam sehr gut eins zum anderen. Erst die Meldung, dass Assauer an Alzheimer erkrankt ist, was in den Boulvardmedien, wie es sich für einen Prominenten vom Schlage Rudi Assauers gehört, unübersehbar groß thematisiert wurde. Dann kam der Film, dessen Ausstrahlung wegen der Buchveröffentlichung um vier Wochen vorgezogen wurde. Und schließlich das Buch, das im Riva Verlag erscheint, der wiederum zur Münchener Verlagsgruppe gehört.

Man könnte es „Punktlandung“ nennen. Doch Assauer, der vor zwei Jahren von der Diagnose Alzheimer erfuhr, wollte mit dem Buch vor allem, „dem Versteckspiel ein Ende machen“, wie er zu Protokoll gegeben hat. Trotzdem werden so auch Bestseller gemacht – und die Erkrankung hat, so makaber das ist, für den letzten, entscheidenden Schub gesorgt. Die Autobiografie eines gesunden Assauer wäre nur halb so spektakulär und interessant gewesen. Letztendlich ist dieser Erfolg gerade für Assauer, der früher als Manager die große Geste liebte, die großen Paukenschläge in Anzug und mit der Davidoff in der Hand, der vermutlich letzte, ihm sehr gemäße Paukenschlag.

Man mag nun darauf hoffen, dass „Wie ausgewechselt“ nicht nur ein Befreiungsschlag für Assauer ist, sondern auch für Aufklärung sorgt. Und mehr Verständnis schafft für die fast anderthalb Millionen Menschen in Deutschland, die an Demenz oder Alzheimer erkrankt sind. Vielleicht überwiegt ja das Interesse an diesem Leiden doch den Voyeurismus, der beim Kauf des Assauer-Buches ebenfalls eine Rolle spielt. Auf dass, ein frommer Wunsch?, auch andere Bücher über die Schicksale Alzheimer-Kranker in die Bestsellerlisten kommen mögen. Zum Beispiel das morgen im VAT Verlag André Thiele erscheinende Buch „Annie, weißt du noch ...“ Darin erzählt Léo Bardon, wie die große, 2011 verstorbene französische Schauspielerin Annie Girardot an Alzheimer erkrankte und mit dem Fortschreiten dieses Leidens und dem qualvollen Vergessen umging.

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