Literatur BETRIEB : Liebe und Leben, Gänse und Fliegen

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Sitzt man dieser Tage so in seiner „warmen Redaktionsstube“, wie Günter Grass die Büros von Feuilletonisten zu bezeichnen pflegt, stellt sich ein Gefühl der Überforderung ein. Nicht weil Grass womöglich an einem weiteren Gedicht sitzt, ein solches könnte wohl getrost unkommentiert bleiben. Sondern weil schon sämtliche Herbstprogramme der Verlage fein säuberlich nach Alphabet geordnet in den gelben Postkisten um die Stubenschreibtische herum liegen und studiert werden wollen. Und daneben stapeln sich gleich die Bücher, die erst im August, September oder Oktober veröffentlicht werden.

Wer soll das alles lesen? Wie können diese vielen Bücher die ihnen gebührende Aufmerksamkeit bekommen? Und welche sind es überhaupt wert, welche nicht? Würden wir zehn pro Woche rezensieren (was sehr, sehr optimistisch ist), könnten wir in einem halben Jahr 260 Bücher vom Stapel räumen, ein Bruchteil dessen, was bis zum Jahresende erscheint. Es will also sorgfältig ausgewählt werden. Die Auswahlkriterien sind nicht einfach. Literatur geht zum Beispiel vor Lesefutter, ohne hier gleich Mauern zwischen E und U zu ziehen. Auch persönliche Vorlieben spielen eine Rolle. Der neue, wahrlich grandiose Roman von Richard Ford: ganz klar. Der neue Walser: aber ja. Christa Wolfs letzte Erzählung „August“ und Peter Handkes neuester „Versuch“ (über den „Stillen Ort“): sicherlich. Neue Erzählungen von Julian Barnes oder neue Romane von Jenny Erpenbeck und Anne Weber: ja, die wohl auch alle.

Dann aber beginnen die Probleme. Die Überforderungsgefühle münden da gern in eine leichte Depression, weil viele lesenswerte Bücher durch den Rost fallen, weil für die vielen noch unbekannten Autoren, sagen wir für die Vea Kaisers, Andreas Widmanns, Teresa Präauers, Marjana Gaponenkos oder Urs Augustburgers nicht genug Platz ist. Schafft man aber Platz für die Kaisers, Widmanns, Präauers, Gaponenkos oder Augustburgers, beklagt sich so mancher darüber, dass zu wenig Bestseller berücksichtigt werden. Ja, dass man die meisten der Schriftsteller und Schriftstellerinnen, deren Bücher im Literaturteil besprochen werden, gar nicht kennt und die nichts für den Strandurlaub sind. Oje!

Entgegnen lässt sich da nur: Die sollen doch erst bekannt gemacht werden! Und im günstigsten Fall zu Bestsellern werden! Traurig genug, dass etwa der französische Autor Patrick Modiano hierzulande immer noch so wenige Leser hat. Vielleicht müsste man auf dessen Bücher einen kleinen Hinweis anbringen: Können auch Fans von Anna Gavalda gut lesen und verstehen. Ist aber besser. Oder sollte man etwa dem „neuen Roman von Schwedens erfolgreichster Autorin“ größere Aufmerksamkeit schenken, „Der Himmel so fern“ von Kajsa Ingemarrson. Den preist nämlich der S. Fischer Verlag mit einem vierseitigen Folder an: „ein wunderbares Buch über eine Liebe, die stärker ist als das Leben“. Hier wirft sich ein Verlag doch sehr ins Zeug. Will heißen: Dieses Buch wird seine Leser finden, vermutlich auch ohne Zutun von Literaturredaktionen. Was bei dem ebenfalls bei S. Fischer erscheinenden Roman der chilenischen Autorin Carla Guelfenbein, „Nackt schwimmen“ nicht so sicher ist. Die Werbeaktionen hierfür (falls es überhaupt welche gibt) fallen sparsamer aus als bei Ingemarrson. Dabei ist auch „Nackt schwimmen“ die Geschichte einer Liebe, die vielleicht stärker als das Leben ist, zudem vor dem Hintergrund des Pinochet-Putsches 1973 in Chile. Bei alldem stellt man sich auch die Frage (und weiß die Antwort: Ja, natürlich!), ob nicht die kleine, zehnbändige Tierreihe von Helmut Höge beim Verlag Peter Engstler (beginnend mit Gänsen, Pferden und Spatzen) nicht genauso groß gemacht werden sollte wie der neue Roman von John Irving?

Ach ja, und um Günter Grass muss sich auch niemand sorgen. Der wird im Oktober 85 Jahre alt. Aus diesem Anlass erscheint nicht nur eine Biografie bei seinem Hausverlag, sondern auch ein Band mit Gedichten, die Grass bei den Radierarbeiten für die Jubiläumsausgabe seines Romans „Hundejahre“ geschrieben hat. Der Gedichtband heißt: „Eintagsfliegen“. Sprechender kann ein Titel gerade im Hinblick auf die von Grass kürzlich veröffentlichten Politgedichte nicht sein.

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