Literatur BETRIEB : Nach der großen Stille

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Zuletzt verspürte man ja im Hinblick auf den Suhrkamp Verlag fast so etwas wie einen Phantomschmerz. Es war still um den Verlag geworden in diesem Jahr: kein Trouble, keine neuen Umzugsgerüchte – Suhrkamp jetzt doch nach Kreuzberg? Oder gar nach Köpenick? – , keine spektakulären Rainald-Goetz- oder Rafael-Horzon-Veranstaltungen, kein Nichts. Nach einem fulminanten Aufschlag in Berlin 2011 kümmerte sich Suhrkamp 2012 tatsächlich um sein Kerngeschäft: Bücher verlegen. Mithin veröffentlichte man ein ordentliches Frühjahrsprogramm und ein noch besseres Herbstprogramm.

Die Ruhe um den Verlag, seine Konzentration aufs Buchgeschäft – das scheint nun wieder vorbei zu sein. Zunächst war da die Eröffnung von Ulla Unseld-Berkéwicz’ erstem Salon in Nikolassee. Hier, im noblen Westen Berlins, hat die Verlegerin gerade eine der großen Villen an der Rehwiese bezogen. Und „hier soll nicht nur gewohnt werden“, konstatierte die „Welt“ nach der Eröffnung bereichert und geradezu berauscht, „hier darf man auch zusammenkommen, sich austauschen, Argumente wie Bälle hin- und herwerfen, doch vor allem sich von neuen Ideen bereichern lassen“.

Nüchterner dagegen sieht das die Medien Holding AG Winterthur, die 39 Prozent der Suhrkamp-Verlagsanteile hält und gegen die dreiköpfige Geschäftsführung um Ulla Unseld-Berkéwicz Klage wegen Veruntreuung eingereicht hat.

Der Gesellschafterstreit ist also wieder entbrannt. Suhrkamp hat der Medienholding und ihrem Geschäftsführer Hans Barlach im Gegenzug mit zwei einstweiligen Verfügungen des Landgerichts Berlin zum einen die Behauptung untersagen lassen, Ulla Unseld-Berkéwicz hätte Verlagsmittel veruntreut – und zum anderen, Interna und Betriebsgeheimnisse des Verlags an Dritte weiterzugeben. Das schwerwiegendere Problem für den Verlag aber wird noch sein, dass die Medienholding als Minderheitsgesellschafterin ein Recht darauf hat, einen Geschäftsführer jeweils in den Suhrkamp und in den Insel Verlag zu entsenden. Auf dieses Recht pocht Hans Barlach, und das will ihm auch Unseld-Berkéwicz als Mehrheitsgesellschafterin und Vorsitzende der Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung nicht aberkennen.

Allerdings, so schreibt der Verlag in einer Stellungsnahme, gebe es „erhebliche Bedenken, ob Herr Barlach über die persönlichen und fachlichen Kompetenzen verfügt, in die Geschäftsführung eintreten zu können“. Und dann heißt es in dem Suhrkamp-Schreiben hervorgehoben und fett gedruckt: „Insbesondere ist festzuhalten, dass die Geschäftspolitik und Verlagskultur vom Mehrheitseigner, der Familienstiftung, bestimmt wird. Die Linie des Verlags wird also in jedem Fall unverändert fortgeführt werden.“

Die Linie des Verlags ist klar erkennbar. In den letzten Jahren hat er im Sachbuchprogramm, in der edition-suhrkamp-Reihe und im neu gegründeten Verlag der Weltreligionen intellektuell wieder an Profil gewonnen. Nur stellt sich die Frage, ob sich mit diesem Profil Geld verdienen lässt. Wenn es, wie man weiß, Unseld-Berkéwicz bevorzugt um den Geist geht, so ist ein Hans Barlach primär Geschäftsmann. Allerdings wartet der Suhrkamp Verlag gerade in diesen Tagen, da der Gesellschafterstreit sich wieder zugespitzt hat, mit gleich mehreren Bestsellern in der Belletristik auf: Judith Schalansky stieg letzte Woche mit ihrem Roman „Der Hals der Giraffe“ auf Platz 18 der „Spiegel“-Liste ein, Sibylle Lewitscharoff mit ihrem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman „Blumenberg“ auf Platz 37. Josef Bierbichler besetzt mit seiner Familiensaga „Mittelreich“ diese Woche Platz 34, und zu guter Letzt tummelt sich Mario Vargas Llosa mit „Der Traum des Kelten“ in den 40er-Regionen der Charts. So einen massiven Erfolg hat es für Suhrkamp lange nicht gegeben. Soll bloß keiner sagen, dass sich mit Geist nicht auch Geld verdienen lässt! Nur der Gesellschafterstreit, der dürfte sich weiter hinziehen, und umziehen muss und will der Suhrkamp Verlag im nächsten (oder übernächsten?) Jahr auch noch. Einfach nur in Ruhe Bücher machen, das ginge doch zu weit! Und es wäre letztendlich auch nicht gut für eine Kolumne wie diese.

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