Literatur BETRIEB : Unter Nervösen

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Die Personalie, die da am vergangenen Donnerstag bekannt gegeben wurde, ist eigentlich eine echte Überraschung: Der Münchner Schriftsteller, Kolumnist und gelernte Jurist und Rechtsanwalt Georg M. Oswald wechselt die Seiten und wird Leiter des Berlin Verlags. Zum 1. Oktober soll er die Nachfolge von Birgit Schmitz übernehmen, die dem Verlag angeblich erhalten bleibt. Sie soll sich, so weiß es das Branchenmagazin „Buchmarkt“, „künftig noch stärker um die internationale Literatur kümmern“. Georg M. Oswalds Aufgabe sei es primär, so heißt es beim Berlin Verlag, wo sich Oswald am Freitag einzuarbeiten begann und nicht zu sprechen war, das deutschsprachige Programm zu stärken. Vielseitig ist er ja: Oswald arbeitete bisher tatsächlich hauptberuflich als Anwalt; zudem weiß er sich stilsicher zwischen den literarischen Genres zu bewegen. Zuletzt erschien von ihm ein Thriller, der von Geschehnissen am Rande einer Münchener Sicherheitskonferenz erzählt, „Unter Feinden“.

Aber ob ihn das nun alles dazu befähigt, einen Verlag zu leiten? Zudem einen, in dem es seit Jahren rumort – womit die Überraschung des personellen Wechsels an der Berlin-Verlag-Spitze eine doch nur kleine ist. Denn spätestens seit dem Weggang von Verlegerin und Berlin-Verlag-Mitbegründerin Elisabeth Ruge im Frühjahr 2011 kommt der Verlag nicht mehr zur Ruhe.

Ruge hatte vergeblich für mehr verlegerische Unabhängigkeit gekämpft, die ihr das damalige Mutterhaus, die Londoner Verlagsgruppe Bloomsbury, nach einer Umstrukturierung nicht mehr zugestehen wollte. Ihr folgte Birgit Schmitz und schon ein Jahr später, im Frühjahr 2012, der Verkauf des Verlags an den schwedischen Bonnier-Konzern. Zu diesem wiederum gehört der Münchner Piper Verlag, dem der Berlin Verlag durch den Verkauf unterstellt wurde. Eigentlicher Berlin-Verlagschef ist also Piper-Verlagsleiter Marcel Hartges, und der verpflichtete Oswald nach Stationen bei Rowohlt und Hanser für Piper, brachte hier ein Kolumnenbuch und eben zuletzt „Unter Feinden“ heraus. So sind letztendlich die Seile für den Berlin Verlag in München fest gespannt worden; und dass Schmitz, deren Handschrift in Richtung ambitioniert literarischen Pop zuletzt gut erkennbar war, und der Charlotte-Roche-Verleger Marcel Hartges vielleicht nicht immer die gleiche verlegerische Wellenlänge haben, lässt sich denken.

Die Überraschung hält sich zudem auch deshalb in Grenzen, weil diese Personalie des Berlin Verlags in die Zeit passt. Die Nervosität in der Verlagsbranche ist groß, der digitale Wandel und dessen zwar zunehmend absehbare, aber nur schwer zu deutende Auswirkungen scheint seine Spuren auch in Form fast hektisch anmutender Wechsel an vielen Verlagsspitzen zu hinterlassen.

Beim Münchner Hanser Verlag folgt ab kommendem Jahr auf den Verleger-Granden Michael Krüger der Mittvierziger Jo Lendle vom Dumont Verlag; dieser wiederum ersetzte Jo Lendle durch die 39 Jahre alte Sabine Cramer, die vorher als freie Lektorin sowie bei Bastei Lübbe und Piper tätig war. Elisabeth Ruge hat nach nur zwei Programmen den neu gegründeten Berliner Hanser-Ableger Hanser Berlin wieder verlassen, allerdings aus persönlichen Gründen, wie es hieß. Ihr folgt der 40-jährige Karsten Kredel, vorher Programmleiter für fremdsprachige Literatur beim Suhrkamp Verlag.

Und auch bei Hoffmann und Campe in Hamburg hatte es im April diesen Jahres einen personellen Wechsel gegeben. Der seit 2004 den Verlag leitende Günter Berg musste seinen Hut nehmen und wurde dann ziemlich rasch durch den 42-jährigen Daniel Kampa ersetzt, der zuvor engster Mitarbeiter des Diogenes-Verlag-Gründers Daniel Keel bis zu dessen Tod im Jahre 2011 tätig war.

Man kann natürlich von einem quasi genuinen Generationswechsel sprechen. Die 40-Jährigen übernehmen jetzt Macht und Verantwortung – und müssen zeigen, dass sie das Format und insbesondere das verlegerische Geschick etwa eines Michael Krügers haben. Aber eben auch, dass sie ihre Verlage auch ohne allzu große Einbußen in die digitale Zukunft zu führen verstehen.

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