Literatur BETRIEB : Zurück in Deutschland

In der deutschsprachigen Literatur gibt es einen Trend zu mehr Welthaltigkeit - die Nominierungen für den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse zielen aber doch sehr auf Deutschland.

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Einer der Kandidaten für den Belletristik-Preis: David Wagner mit seinem Buch "Leben".
Einer der Kandidaten für den Belletristik-Preis: David Wagner mit seinem Buch "Leben".Foto: dpa

Eigentlich hatte man ja gedacht, die deutschsprachige Literatur habe es endlich geschafft, der heimatlichen Enge zu entfliehen und der großen Welt mit ihren überall lauernden Gefahren mutig und fest ins Auge zu sehen. Wolfgang Herrndorf im Afrika der siebziger Jahre („Sand“), Dirk Kurbjuweit 2005 in Afghanistan („Kriegsbraut“), Rainer Merkel im Kosovo, in Liberia und ebenfalls in Afghanistan von heute („Das Unglück der Anderen“), Felicitas Hoppe in der ganzen Welt („Hoppe“), um nur vier Beispiele zu nennen. Auch dieses Frühjahr setzt sich der Welthaltigkeitstrend fort.

Rainer Merkel hat mit „Bo“ einen fulminanten Jugend- und Liberia-Roman geschrieben, dem man die Kenntnis dieses kriegszerrütteten afrikanischen Landes auf jeder Seite anmerkt; Merkel arbeitete ein Jahr lang in der einzigen psychiatrischen Klinik Liberias. Der bislang als Krimischriftsteller zu Ansehen gekommene Linus Reichlin hat sich in die Spur von Kurbjuweit und Merkel gesetzt und lässt in seinem Roman „Das Leuchten in der Ferne“ einen Kriegsreporter in die Fänge einer Taliban-Gruppe geraten. Und auch der Österreicher Michael Köhlmeier begibt sich in seinem Schelmenroman „Die Abeneteuer des Joel Spazierer“ nach seinem weltumspannenden Jahrhundertepos „Abendland“ von 2008 ins Europa der Nachkriegszeit, beginnend im Ungarn der fünfziger Jahre, da Spazierer als Vierjähriger mehrere Tage allein in einer großen Wohnung zurückgelassen wird.

Nun spiegelt sich dieser Trend seltsamerweise überhaupt nicht in den am vergangenen Donnerstag bekannt gegebenen Nominierungen für den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse. Im Gegenteil, nicht einmal, dass Deutschland ein Einwanderungsland geworden ist, erkennt man an der Auswahl. Nominiert sind Birk Meinhardts Roman über eine DDR-Familie kurz vor dem Mauerfall, „Brüder und Schwestern“. Dieser endet übrigens nach 700 Seiten mit den Worten: „Fortsetzung folgt.“ Als westdeutsches Pendant dazu kann man den Debütroman des 50-jährigen Ralph Dohrmann verstehen, „Krohnhardt“. Der erstreckt sich über die gesamte westdeutsche Nachkriegszeit, in seinem Mittelpunkt steht der Erbe einer Bremer Tuchhandelsfirma.

Dazu kommen der Berliner Schriftsteller David Wagner, der in seinem als Roman etikettierten Buch „Leben“ die Geschichte seiner Lebertransplantation erzählt. Sowie die 1983 geborene Lisa Kränzler mit „Nachhinein“, einer Geschichte über die schwierige Freundschaft zweier aus unterschiedlichen sozialen Millieus stammender Mädchen. Komplettiert wird das Feld durch die junge Österreicherin Anna Weidenhölzer und ihren Debütroman „Der Winter tut den Fischen gut“. Heldin ist eine arbeitslose Verkäuferin, „eine Frau am Rande der Gesellschaft“, so der Verlag, der Weidenhölzers Roman als Mischung aus Miranda July, Markus Werner und Wilhelm Genazino bewirbt. Solche Vergleiche lesen sich natürlich gleich internationaler, ein bisschen Schweiz, ein bisschen USA. Was aber nichts daran ändert, dass diese Auswahl doch sehr auf Deutschland zielt, sie eine Art deutsche Nabelschau ist. Zwei ausufernde Familienromane, beides literarische Schmöker; ein Außenseiterinnenroman; und zwei Romane, die vor allem auch Körpererkundungen sind: „Im unteren Drittel des Ösophagus sind vier Varizenstränge von mehr als 5 mm Durchmesser zu sehen (...) An der Minorseite reichen die Varizen bis unterhalb der Kardia.“, zitiert Wagner etwa einen ärztlichen Befund. Und bei Lisa Kränzler sagt eines der Mädchen: „Ich bin nicht gut im Bluten. Ich weiß auch, warum: Will man Blutrot sehen, so braucht man zunächst eine Wunde, etwas Klaffendes, einen Spalt. Seit ich mich zum letzten Mal vor dem Schlafzimmerspiegel auf derlei Spuren hin untersucht habe, sind noch keine zwei Wochen vergangen“.

Die Welt muss vorerst draußen bleiben. Für Leipzig und die Messe wäre natürlich Birk Meinhardt der ideale Preisträger. Für die Literatur Wagner mit seiner sensiblen Prosa. Würde man einem Verlag den Preis gönnen, dann dem kleinen, aber feinen Berliner Verbrecher Verlag, in dem Kränzlers Roman erscheint. Ach ja, und warum soll nicht einmal eine junge Österreicherin gewinnen? Oder ein später Debütant?

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