Literatur : Botschaft im Teppich

Mit den Nachwehen von Ceausescus Terror: Der rumänische Dichter und Erzähler Mircea Cartarescu setzt mit seinem Roman "Der Körper" eine unvergleichlich gewaltige Trilogie fort.

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Die Mutter des kleinen Mircea webt in ihrer Bukarester Plattenbau-Wohnung Teppiche nach Vorlagen einer Textilfabrik. Als Maria und ihr Sohn bei dieser einsamen Heimarbeit immer fantasievollere Teppichmuster erfinden, die sich kaum mehr an die Vorgaben halten, erregt das die Aufmerksamkeit des berüchtigten rumänischen Geheimdienstes Securitate. Vier Männer im Trenchcoat klingeln an der Tür und kommen in die Wohnung. Sie inspizieren den Webstuhl im Schlafzimmer und nehmen Maria einfach mit. Eine Woche lang wird sie von der Securitate festgehalten. Der Verdacht: Sie soll den geheimen Lageplan einer Sputnik-Bodenstation in ein Teppichmuster eingewebt haben. Ein völlig absurder Vorwurf.

Ob sich diese zentrale Episode aus Mircea Cartarescus Roman „Der Körper“ tatsächlich so abgespielt hat, ist unwichtig. Der 2000-seitige Roman-Kosmos „Orbitor“, dessen zweiter Teil nun auf Deutsch vorliegt, folgt seinen eigenen Gesetzen. Die Bände eins und zwei schildern das Aufwachsen in der Ceausescu-Diktatur, der absurdesten und grausamsten Osteuropas. Dazu befragt, äußert sich Mircea Cartarescu nicht direkt, sondern verweist auf das Beispiel eines anderen großen Surrealisten: „Salvador Dalí wollte einmal Rumänien in der Ceausescu-Ära besuchen. Aber nur unter einer Bedingung, wie er sagte: Wenn er auf dem Flughafen einträfe, sollten hunderttausend Fischdosen wie Soldaten Spalier stehen. Und er wollte dann an ihnen vorbeischreiten. Er betrachtete Diktatoren als tragikomische, surreale Figuren oder Charaktere.“

Der Schriftsteller Mircea Cartarescu, der 1956 in Bukarest geboren wurde, verschmilzt in seinem gewaltigen Opus völlig mit dem gleichnamigen Ich-Erzähler. Da erstaunt es nicht weiter, dass das Wort „Orbitor“ – rumänisch für „blendend“ oder „Blender“ – unvermutet im schönsten von Mamas Teppichen auftaucht, „wie ein arabisches Flechtwerk auf der weiten Oberfläche des bunten Flausches“. Schon „Die Wissenden“, der erste Band von Cartarescus Trilogie, war ein in jeder Hinsicht elementares Ereignis – und stellt doch nur den linken Flügel eines dreimal so umfangreichen Triptychons dar. Flankiert von einem Heer von Ko-Insekten, prägt der Schmetterling als Symbol der Verwandlung die Trilogie, die 1996 in Rumänien erschien. „Der Körper“ bildet das Zentrum, von dem alle Fantasien dieses fantastischen Epos ausgehen. Nach Ceausescus Sturz im Dezember 1989 verschrieb sich der Lyriker Cartarescu ganz der Prosa. „Acht lyrische Sammelbände, das reicht meines Erachtens“, sagt er. Und: „Im Grunde ist alles, was ich tue, poetisch, denn das literarische Schreiben an sich ist Poesie.“

Der junge Mircea erlebt, wie Bukarest, einst das elegante Paris des Ostens, von Abrissbirnen verschandelt wird. Er aber bewahrt die Erinnerung an den Charme der alten Stadt, befeuert durch die Erzählungen seiner Mutter Maria, die aus einer Bauernfamilie stammt. Es sind die Beobachtungsprotokolle einer entmündigten, gedemütigten Stadt. Gleichzeitig durchzieht die brennende Sehnsucht nach der Unio mystica dieses überbordende Bewusstseinspanorama. So geht es etwa in einem Seitenstrang der Handlung, der in die Familiengeschichte zurückreicht, um das seltsame Gebaren einer äußerst radikalen Sekte: Um nach einer Orgie im Badehaus ihre Keuschheit wiederzuerlangen, entmannen sich die Sektenanhänger selbst.

Nach 1989 wandte sich Cartarescu als Sohn atheistischer Eltern verstärkt der Religion zu. Eingangs zitiert er Paulus’ Ersten Brief an die Korinther. Mircea Cartarescu zählt zu den bekanntesten rumänischen Gegenwartsautoren. Er steht in der religionsphilosophischen bis mystischen Tradition von Emile Cioran und Mircea Eliade. Wie Eliade faszinieren Cartarescu der Schamanismus und das bildhaft-symbolische Denken. Mit dem Exilphilosophen Cioran verbindet ihn eine negative Strahlkraft, die Überzeugung von der heillosen Daseinsform des modernen, in Häresie befangenen Menschen. Daraus ergeben sich für den Roman immer wieder Fragmente einer stark sexualisierten, durch und durch negativen Schöpfungsgeschichte, vorangetrieben durch „verheerende Orgasmen“: Eros und Thanatos auf Rumänisch.

Eine lineare Handlung dieses laut seinem Verfasser „unlesbaren Buchs“ ist kaum auszumachen, auch spricht der IchErzähler Mircea später von sich in der dritten Person. Umso mehr ist die Herkulesarbeit der beiden Übersetzer Gerhardt Csejka und Ferdinand Leopold zu loben. Souverän bewältigen sie den Strom von Farben, von hybriden Fremdwörtern aus Medizin und Technik und vor allem das Gewimmel der Insekten im Text. Das Beseelte, Animistische lauert überall, es bildet einen geheimen Urgrund.

Doch dem „wahren“ Leser, der laut Novalis’ „Blütenstaub-Fragmenten“ der erweiterte Autor sein muss, ergeht es angesichts der Textfülle leicht wie einem allzu übereifrigen Schmetterlingsforscher. Kaum ist der Farbstaub berührt, gerät das Insekt ins Torkeln – das Übermaß an Sinneseindrücken löst Drehschwindel aus. Das gilt auch für das überraschend auftauchende Amsterdam, das der Demiurg Catarescu wie zuvor seine Heimatstadt Bukarest mit seinen impressionistischen Hochleistungsgerätschaften auf dem Papier niederwalzt. So mischt sich in die konstante Bewunderung schließlich Ermattung.

In welcher Stimmung aber blickt Mircea Cartarescu nun heute auf sein Hauptwerk, an dem er 14 Jahre lang gearbeitet hat? Wie nah oder fern ist ihm „Orbitor“ inzwischen? „Ich hätte nie gedacht, dass ich es schaffen würde, damit fertig zu werden. Aber manchmal kommen mir bestimmte Szenen oder Schauplätze aus dem Buch in den Sinn. Und das bewegt mich dann sehr, es ist, wie wenn man sich an Begebenheiten aus seiner Kindheit oder Jugend erinnert, die man für vergessen hielt. Das ist sehr, sehr kostbar für mich.“

Mircea Cartarescu: Der Körper. Roman. Aus dem Rumänischen von Gerhardt Csejka und Ferdinand Leopold. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2011.

607 Seiten, 26 €.

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