Literatur : Das schwarze Labyrinth

Kein Dokument der Düsternis und Verzweiflung, aber alles andere als eine fröhliche Geschichte: Hans Christoph Buch untersucht die schillernde "Apokalypse Afrika".

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Leben am Rande von Monrovia. Liberische Mutter in einem ehemaligen Rebellencamp (2007). Foto: Finbarr O'Reilly / Reuters
Leben am Rande von Monrovia. Liberische Mutter in einem ehemaligen Rebellencamp (2007).Foto: Finbarr O'Reilly / Reuters

Kriegstraumata und die Überlebenskunst in Afrika beschäftigen den Berliner Schriftsteller Hans Christoph Buch seit langem. Seine Reportagen von den „Fronten des Weltbürgerkriegs“ kamen 2001 in der Anderen Bibliothek unter dem Titel „Blut im Schuh“ heraus – Recherchen nach den Ursprüngen und Voraussetzungen der Gewalt jenseits eurozentristischer Perspektiven, aber auch eine Spurensuche nach dem literarischen Umgang mit Zivilisationsbrüchen, wie sie Joseph Conrad 1902 in „Heart of Darkness“ mustergültig beschrieben hat. Der „postkoloniale Blick“, von dem der Germanist Paul Michael Lützeler spricht, hat in Hans Christoph Buch hierzulande seinen prominentesten Vertreter.

Sein Lebensthema Haiti – Buchs Großvater betrieb eine Apotheke in Port-au-Prince und war mit einer Kreolin verheiratet – hat diesen Blick aufs Fremde immer wieder provoziert. So ist auch sein neues, Afrika gewidmetes Buch nicht nur ein Albtraumpfad zu den Kollateralschäden der Zivilisation, sondern auch eine Reise in die Abgründe des eigenen Ich. Die literarische Reminiszenz wird im neben dem etwas reißerischen Stabreim „Apokalypse Afrika“ alternativ rangierenden Titel „Schiffbruch mit Zuschauern“ deutlich: Der Philosoph Hans Blumenberg hatte 1979 eine schöne Analyse der auf Homers Odyssee zurückgehenden „Daseinsmetapher“ vom Schiffbruch mit Zuschauer vorgelegt.

Mit einer klassischen Schiffbruchsschilderung vor der Westküste Afrikas beginnt Buch seine afrikanischen Recherchen. Die französische Fregatte Medusa war 1816 gekentert; nur wenige überlebten den Untergang – unter anderem durch Kannibalismus. Géricaults berühmtes Gemälde aus dem Jahr 1819 inspirierte bereits Peter Weiss zur „Ästhetik des Widerstands“. Der buchstäbliche Überlebenshunger der Gekenterten wird bei Buch anders als für Weiss jedoch nicht Symbol letzter Hoffnung in der Aussichtslosigkeit, sondern zur Parabel eines beunruhigenden Frontentauschs von Europäern und Afrikanern. Aus der Perspektive der Gegenwart wird der Untergang der Medusa zum Spiegel dessen, was Afrika tagtäglich widerfährt. Was in Europa als Ausnahme gilt, gehört in Afrika zur Normalität. Oder ist auch dies nur die europäische Spiegelung eines labyrinthischen Zusammenhangs?

Buch hat keine einfachen Antworten, wohl aber eine Reihe von Fragen und verschiedene Perspektiven zu bieten. Der Untertitel „Romanessay“ weist auf Zeit und Generation zurück, in denen sich der Autor seine Sporen verdiente. Bernward Vesper hatte seine autobiografische Abrechnung „Die Reise“ als „Romanessay“ deklariert. Apokalypse Afrika hat sich jedoch denkbar weit vom ideologischen Horizont der 68er entfernt, was ihren einstigen Protagonisten nicht davon abhält, weiter mit einigen der seinerzeit dialektisch erprobten ästhetischen Mitteln zu experimentieren.

Es sind die Collage, die Travestie und die Karikatur – letztere etwa in der Charakteristik einer Bundestagsdelegation („Blauhelm im Grünen“), die Afrika nur durch die Scheiben der Hotellobby, über das Fleisch von Animierdamen oder das Schulklassenlächeln von Empfangskomitees wahrzunehmen vermag. Um das zu erfahren, hätten sich die Abgeordneten wohl kaum dorthin begeben müssen. Interessant wird dies dadurch, dass Vertreter des Journalismus einbezogen sind. Sowohl der Fernsehmann „Bachmeyer“ wie der Schriftsteller „Buchmeyer“, die sich mehr in ihrem sexuellen Wagemut voneinander unterscheiden als in ihren generationsspezifischen Intellektuellenbiografien. Was sieht der Schriftsteller mehr als der Fernsehjournalist?

Beide bleiben einander fremd, wobei der Schreibende, der „Buchmeyer“, selbstkritisches alter ego des Autors, in wechselnden Verkleidungen mal als „er“ und mal als „ich“, durch die Partien des Buchs zu eilen scheint – immer von seiner journalistischen Passion für die Leiden des schwarzen Kontinents gepackt, ob in „Monrovia, mon amour“ in Gemetzeln um die liberische Hauptstadt mit Fotoreportern und US-Marines zwischen undurchsichtigen Fronten lavierend oder in „Elefantenfriedhof“ im Bürgerkriegsgebiet zwischen Ruanda und Kongo ausgesetzt. Rational ist der Reiz wiederholter Augenzeugenschaft an Völkermorden kaum erklärbar, nicht allein jedenfalls mit dem Ethos des Berichterstatters und Aufklärers. Ein mit Befremden bemerkter Voyeurismus bis hin zum Aufflackern sadistischer Emotionen und die Suche nach Heil im Fiebertraum vom gekreuzigten schwarzen Jesus sind beiläufige Motive dieser Rastlosigkeit.

Stärker umkreist er die Aura afrikanischer Frauen. Wenn irgendwo, dann scheint für den vielstimmigen oder vielmehr die Erzähler des Romanessays hier der Kardinalpunkt der Faszination zu liegen. Mit der Geschichte der „Hottentotten-Venus“ erzählt „Apokalypse Afrika“ eines der unterbelichteten Kapitel der Kolonialkultur des 19. Jahrhunderts – die Schwarze als kurioses Objekt männlich-europäischer Begierden, welche die Fantasie von Anatomen wie Königen gleichermaßen erregte. Auch in der groß angelegten Collage von Bismarcks Congo-Konferenz 1884/85 bleibt die Projektion des inneren Afrika als Umschlagraum überschüssiger Energien präsent, sei es in der Vision einer „Freihandelszone“ für internationale Mächte und Märkte, sei es in der Opulenz der Festbankette, die sich die fürstlichen Teilnehmer als Vorgeschmack der vom Äquator zu erwartenden Gewinne gönnen.

Mit dem leider zu kurz geratenen Porträt einer im letzten Jahr in Berlin verstorbenen schwarzen Ausnahmefrau („Aurelia“) und einem offenen Brief an Ex-Bundespräsident Köhler, in dessen Afrikapolitik Buch Gründe für dessen Rücktritt entdecken will, schließt diese Polyphonie aus Splittern einer alles andere als fröhlichen Geschichte. „Apokalypse Afrika“ ist dennoch kein Dokument der Düsternis und Verzweiflung; es geht um den Blick des Schriftstellers, der sich den afrikanischen Verhältnissen aussetzt aus selbst nicht immer durchschaubaren und vor allem nicht allein humanistischen Motiven – oder doch: allzumenschlichen.

Hans Christoph Buch: Apokalypse Afrika oder Schiffbruch mit Zuschauern. Romanessay. Eichborn Verlag (Die Andere Bibliothek), Frankfurt a.M. 2011. 272 Seiten, 29 €.

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