Kultur : Literatur: Den stillen Helden

P.v.B.

Sie hießen "U-Boote", sie waren Juden und mitten in Deutschland untergetaucht in einem Meer der tödlichen Bedrohung. Etwa 2000 Menschen sind so in Berlin der Deportation und Ermordung entkommen. Einer von ihnen ist der Musiker Konrad Latte, der seine Familie verlor, doch auf jene abenteuerliche Weise überlebte, in der sich Schrecken und Absurdität, Unglück und Glück als Schicksal verknüpfen. Beispielsweise ging er unter einem Decknamen in den letzten Kriegsmonaten auf Tournee: als Mitglied eines Truppenbetreuungs-Orchesters, im Auftrag des Reichspropagandaministers.

Über dieses Vorleben und Überleben hat Konrad Latte aus Trauer und Scheu lange geschwiegen. 1997 hat er dann als Dirigent seines "Barock-Orchesters" zum letzten Mal am Pult der Berliner Philharmonie gestanden. Seitdem lebt der über Achtzigjährige mit seiner Frau Ellen in seinem Haus in Berlin-Wannsee. Am 9. November 1958 hatte Latte seiner damals 13-jährigen Tochter, die mit der Frage aus der Schule kam, ob es in Deutschland wirklich "keine Juden mehr" gebe, erstmals gesagt: "Hier vor dir steht einer." Und später, viel später hat er dem Berliner Schriftsteller Peter Schneider sein Leben erzählt.

Diese Geschichte allein schon macht Schneiders Buch "Und wenn wir nur eine Stunde gewinnen" spannend. Hier aber öffnet sich auch ein ein Stück verdrängter Historie: die Geschichte der (viel zu wenigen, und dennoch tausenden) Helfer. Keine Widerstandskämpfer, aber Mitmenschen voller Mut und Anstand, von denen einige in Yad Vashem als die "Gerechten der Völker" geehrt wurden. Bei uns aber erinnert kein Denkmal an sie - auch daran erinnert Peter Schneiders bewegendes Buch.

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