Literatur : Der Archipel Gossudar

Montags in Moskau: In Vladimir Sorokins Monster-Roman "Der Tag des Opritschniks" bestimmen Gewalt, Repression und Nationalismus den Alltag - Parallelen zur Gegenwart sind beabsichtigt.

Katrin Hillgruber

Rot, krasny, heißt im Russischen auch schön. Für den Revolutionsmaler Kasimir Malewitsch verkörperte sein satt rotes Quadrat das Überpersönliche und Symbolische der Kunst seit der Zeit der altrussischen Ikonen. Das matte Leberrot des Lenin-Mausoleums auf dem Roten Platz ergänzt die nationale Farbpalette. Seit Vladimir Iljitsch Uljanows Tod am bitterkalten 21. Januar 1924 scheint es, als speise sich die Farbe des Steins auf gespenstische Weise vom Nimbus des zur Unsterblichkeit verdammten Revolutionärs.

Nach Vladimir Sorokin wird im Januar 2027 mit dieser Farbsymbolik Schluss sein. Der Rote Platz heißt der Schöne Platz, der Kreml ist blendend weiß gestrichen: "Hinter den gezackten schneeweißen Mauern schlägt das Herz der russischen Erde, hier hat der Staat seinen Thron, Mutter Heimat ihren Brustkorb, ihr Sonnengeflecht." Der schmetternde Gesang des "Rotbanner-Kremlchors" wird nur deshalb noch geduldet, weil er für das Tagwerk im Riesenreich Kraft spendet. Bereits Jahre zuvor war das Volk einem Aufruf seines neuen Herrschers, des Gossudaren, gefolgt und hatte seine Reisepässe freudig dem Feuer übergeben.

Laut Stalin bestand die Weisheit Iwan des Schrecklichen darin, keine Ausländer mehr ins Land zu lassen. Getreu dieser Maxime genügt sich Russland mit seinen unerschöpflichen Bodenschätzen nun selbst und hat sich mit der Großen Mauer zum Westen hin abgeschottet. Das dekadente, wirtschaftlich längst überwundene Westeuropa hält es mit willkürlichen Drosselungen der Gaszufuhr in Atem. China liefert als einziger verbliebener Handelspartner Agrarprodukte und die neueste Nachrichtentechnik. Das ermöglicht es dem Opritschnik Komjaga, jederzeit per "Nachrichtenblase" staatsfeindliche Sender abzuhören und die Kommandos seines Herrn, des Gossudaren, zu empfangen: "Die Blase flammt auf, die blau-weiß-rote Fahne unseres Vaterlandes mit dem goldenen doppelköpfigen Adler erscheint in ganzer Breite, es ertönen die Glocken vom Großen Iwan."

In seinem neuen Roman "Der Tag des Opritschniks", dessen Übersetzungen dieser Tage zeitgleich in elf Ländern erscheinen, hat Russlands berühmtester Anti-Utopist Vladimir Sorokin die nationalistischen und isolationistischen Tendenzen seiner Heimat wörtlich genommen. Das Ergebnis besticht durch Scharfsinn und makabren Witz. Sorokin, der sich zurzeit in Berlin aufhält, erklärt: "Wenn jetzt an die Stelle des Marxismus als Hauptideologie die Orthodoxie und im Grunde die Monarchie träte, würde Russland sehr schnell in die Vergangenheit zurückkehren, und zwar ins 16. Jahrhundert, in seine Entstehungszeit. Und wir würden sehr schnell auch anfangen, die Sprache dieses 16. Jahrhunderts zu sprechen. Sie würde sich mit jener der Hochtechnologie mischen, und das Ergebnis wäre ein groteskes."

Dem Autor geht es beileibe nicht um eine simple Putin-Satire, wie er sagt. Dabei sieht der schmalgesichtige Gossudar bei seinen nach Ikonen-Art goldumflorten Videoansprachen dem gegenwärtigen Staatschef trotz Bart auffallend ähnlich. Nein, Sorokin beschäftigt vielmehr die Frage, was Russland von wirklichen Demokratien unterscheidet. Zu diesem Zweck hat er die Sehnsüchte nach einer slawischen Autonomie auf ihren historischen Urgrund zurückgeführt. Er erweckt den Schrecken der Opritschnina, der Leibgarde Iwan des IV. (1530 - 1584), des Schrecklichen, zu neuem Leben. Die staatlichen Mörder, Plünderer und Brandschatzer in ihren furchterregenden schwarzen Kutten trugen als Insignien einen Besen und einen Hundekopf.

Im Buch ist es der frische Kopf eines Wolfshundes, den der Pferdeknecht seinem Herrn an die Stoßstange des tomatenroten Dienstwagens "Merin" montiert: ein Signal höchster Wachsamkeit. Nach dem Bad, einem traditionellen Frühstück mit gedämpften Rüben in Honig sowie dem Küssen der Ikone des Heiligen Georg, beginnt ein beliebiger Montag im Leben des Andrej Danilowitsch Komjaga. Seine Perspektive nimmt der Roman radikal ein. Die erzählerische Beschränkung auf einen Tag tut Sorokins wie stets vor Fantasie überschäumendem Schreibtemperament gut. Anders als die "Ljod"-Trilogie oder der 2068 angesiedelte "Himmelblaue Speck" fällt dieser Roman realistischer, erschreckender aus. Der Buchtitel spiegelt Alexander Solschenizyns Kurzroman "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" von 1962. Darin ging es um den trostlosen Tagesablauf eines Gulag-Insassen. Nun ist eine Innensicht der Macht aus der Täterperspektive zu erleben.

Der Arbeitstag beginnt vor den Toren Moskaus mit der Ermordung eines in Ungnade gefallenen Dienstadligen oder Bojaren: Von Werst bis "Faustkeil" für Handy bedienen sich der Autor und sein kongenialer Übersetzer Andreas Tretner einer hoch komischen Sprache, die elastisch zwischen Mittelalter und Internet-Zeitalter mäandert. Die Witwe des Adligen muss eine Gruppenvergewaltigung erdulden, die der Held als Ranghöchster initiiert. Der Abend der Opritschniki klingt in der Sauna ihres Ältesten aus. Bevor sich die Bruderschaft zur kopulierenden Kette vereint, wird eine zweckdienliche Pille eingeworfen: "Da steht es auf, mein Gerät, das jüngst sanierte: zwei Knorpelimplantate, Hyperglasfiberspitze, Reliefüberzug, Fleischmuskulatur mit beweglicher Tätowierung." Neue fluoreszierende Hoden gehören dazu: "Und solange dieses Licht am Leuchten ist, sind wir, die Opritschniki, am Leben."

Gewalt ist die selbstverständliche Begleitmusik. Diese Beiläufigkeit macht sie so bedrohlich, verstärkt durch den jovialen Plauderton, in dem das virile Abenteuerbuch gehalten ist. Mit sichtlichem Vergnügen lässt Sorokin seinen Helden im Stil altrussischer Sagen schwadronieren. Unentwegt streut er das Fazit "Und das ist gut so" ein, variiert durch die Kampfrufe "Dran und drauf!" oder "Schuld und Sühne!". Die Putin-Jugend, die einst seinen Roman "Der Himmelblaue Speck" in ein überdimensionales Pappmaché-Klosett warf, transformiert der 52-jährige Sorokin in den "Bund der wackeren russländischen Burschen des Guten".

Der Opritschnik neuen Typs fliegt schnell an die Ostgrenze, um einen einträglichen Zollbetrug zulasten der Chinesen abzusichern und wie einst Iwan eine Wahrsagerin zu konsultieren. Später genießt er eine öffentliche Züchtigung vor der Universität oder einen Blick in die erbauliche vaterländische Prosa. Er ist ein Leibeigener. In seinen linken Handteller wurde das russische Hoheitszeichen implantiert, das bei elektronischen Kontrollen aufleuchtet.

"Die heutigen Opritschniki, das sind die Silowiki, die Mitarbeiter der Macht und der Ministerien. Man kann sie auch als staatliche Schutzgelderpresser bezeichnen", erklärt Vladimir Sorokin beim Blick auf den Wannsee. Er hat erneut sehr viel riskiert, auch was ihn selbst betrifft. Wer Ohren hat, der höre den alarmierenden "Staatshyperton".

Vladimir Sorokin: Der Tag des Opritschniks. Roman. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2008. 221 Seiten, 18,90 Euro. Sorokin und sein Übersetzer stellen das Buch am 29. Januar um 20 Uhr im Literarischen Colloquium Berlin vor.

0 Kommentare

Neuester Kommentar