Literatur : "Der Balkanizer": Fluche und finde

Danko Rabrenovic berichtet, wie er vom Balkan nach Deutschland kam. Manche Leser sehen in dem schwungvoll selbstironischen Schriftsteller schon einen post-jugoslawischen Wladimir Kaminer heranreifen.

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Der Leader und die Gang. Rabrenovic und Trovaci.
Der Leader und die Gang. Rabrenovic und Trovaci.Foto: Dobrivoie Kerpenisan/trovaci.de

Ich wollte von all dem nichts mehr hören. Ich war weder Serbe noch Kroate. Ich war Danko Rabrenovic, Bürger des Universums. Punkt.“ Klarer als der junge Migrant, der sich in Deutschland mit seinen Landsleuten über ethnische Zugehörigkeiten herumstreiten muss, kann man es kaum sagen. Rabrenovic, in Zagreb geboren, kommt aus Belgrad, lebte als Kind mit seinen Eltern, jugoslawischen Korrespondenten, einige Jahre in China, wo er die russische Schule besuchte, floh 1991 aus Serbien vor Krieg und Armeedienst nach Deutschland und erkämpfte sich hier einen Platz als Popmusiker, Texter und Radio-Moderator mit dem Künstlernamen „Balkanizer“ – zu hören jeden Samstag kurz nach 14 Uhr auf Funkhaus Europa, dem Global-Pop-Sender des WDR.

Manche Leser sehen in dem schwungvoll selbstironischen Schriftsteller Rabrenovic schon einen post-jugoslawischen Wladimir Kaminer heranreifen. Gelungen ist Rebrenovic mit seinem Erstling „Der Balkanizer – Ein Jugo in Deutschland" auf alle Fälle eine ungewöhnliche Immigranten-Autobiografie mit musikalisch-balkanisch-amerikanischem Sound.

Es gibt vor allem einen Ort, an dem sich Danko Rabrenovic, der Immigrant, auf keinen Fall aufhalten will. Er nennt diesen Ort die „Ghettoschmollecke“. Dann schon „lieber Überintegration“ lautet sein Fazit, „frei und ohne Clan“, mitten in Europa. Flaggen, Wappen, Pässe, Nationalismen sind ihm gleichgültig. Danko Rabrenovics lebhafte Saga vom Ankommen in Deutschland enthält zunächst die Elemente einer bürokratischen Groteske. Nach einer kurzen Phase im Sommer 1991, als Rabrenovic mit Touristenvisum zu Gast bei Verwandten in Recklinghausen („Schrecklinghausen“) ist, beginnen für ihn drei Jahre als „Flüchtling mit Residenzpflicht“ und dem Aufenthaltstitel als „Geduldeter“.

Ein solcher darf in seinem „Duldungstempel“ keiner Erwerbsarbeit nachgehen, nicht reisen, kein Konto eröffnen, keine Ausbildung machen. Für den Musiker beginnt eine „Karriere als Stammgast der Ausländerbehörde“, die 16 Jahre dauern wird. In den Warteräumen und an den Schaltern der Behörde, erhält er dafür Gelegenheit zu soziologischen und ethnografischen Studien seines Gastlandes. Dass er bei alledem seinen Humor um viele Nuancen erweitert, statt ihn zu verlieren, wirkt bewundernswert.

Auch darum ist dieser Bericht so lesenswert, weil er von einem verfasst wurde, der sich fest vorgenommen hat, anzukommen, sich zu entfalten, dabeizubleiben. Ihn graust es vor den Nischen, in die sich viele seiner Landsleute verkriechen, etwa die Jugo-Kneipe, in der man sich gern trifft: „Die Menschen hier in der Düsseldorfer Gastarbeiter-Oase hörten gerne Volksmusik, lasen serbische und kroatische Boulevardzeitungen und ließen sich mit einem Zahnstocher im Mund von Pink-TV berieseln.“ Rabrenovic hält sich von solchen Milieus fern. Ein Versuch, nach Dänemark zu entkommen, um seine Freundin zu heiraten, misslingt. Er lernt Deutsch, wird Student und erhält erneut Aufschub vor der Abschiebung. Während der Universitätsjahre hält er sich unter anderem als Tester von Pflanzenschutzmitteln über Wasser und als Koch eines mexikanischen Restaurants.

Dann kommt der Erfolg als „Balkanizer, mit dem Jugo-Akzent als Markenzeichen. In seiner wöchentlichen Rundfunksendung spielt er Balkan-Musik und spricht mit seinen Studiogästen über ihre „Balkan“-Geschichten – auch über tabuisierte. Mit seiner Band „Trovaci“ (www.trovaci.de) geht er auf Tournee, philosophiert mit leichter Hand über Pop und die Welt, über die Unterschiede des Fluchens in Ost und West, über das Eigene und das Fremde und das große Glück, seinem eigenen Kind beides in guten Portionen mitgeben zu können. Der „Balkanizer“ bringt schwere Themen zum Schweben.

Danko Rabrenovic mit Sebastian Brück: Der Balkanizer. Ein Jugo in Deutschland. VGS, Köln, 2011. 189 Seiten, 12, 95 €.

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