Kultur : Literatur: Der endlose Schreckensmoment

Sybille Cramer

Am 10. Juli 1971 scheiterte der Versuch marokkanischer Militärs, König Hassan II. zu stürzen. Die Putschisten wurden zu zehn Jahren Haft in einem eigens errichteten Geheimlager im Atlas verurteilt. Auf internationalen Druck wurde Tazmamart 1991 aufgelöst. Die Leiden der Opfer machte Tahar Ben Jelloun, einer der angesehensten Repräsentanten der französischen Literatur des Maghreb, nun zum Thema eines Romans.

Der in Fès geborene, in Paris lebende 57-jährige Schriftsteller stützt seinen Roman auf den Augenzeugenbericht eines Überlebenden. Einer Berichterstattung aus zweiter Hand weicht Jelloun zunächst aus. Seinem Gegenstand nähert er sich nicht als Erzähler. Um die Vorgeschichte macht er nicht viel Aufhebens. Sein Interesse am marokkanischen Gulag richtet sich nicht auf die Darstellung des Terrors. Nicht die in Szene gesetzte moralische Erregung ist seine Sache, die bei der sentimentalen á la mode-Literatur über die Shoa die Empfindlichkeit gegenüber dem eigenen Ausdrucksmittel ersetzt. Der Originaltitel des Buchs, "Cette aveuglante absence de lumière" (Diese blind machende Abwesenheit des Lichts) bezeugt seinen experimentellen Ansatz. Offenbar begreift der Autor das Schreiben über das Leben in den Löchern von Tazmamart zunächst als darstellerisches Problem. Die Organisation des Textes spiegelt die Absicht wider, gegen den erinnernden Gestus allen Erzählens eine punktuelle Momentkunst durchzusetzen.

Vom Glück, ein Grab auszuheben

Das Buch handelt kapitelweise die Tatsachen eines unendlichen menschlichen Endens ab, Schlüsselworte zum Leben und Überleben in Tazmamart. Sie bleiben zunächst ohne Einleitung, Steigerung, Finale, Entwicklungskurve, Zeitlinie. Äußere Gefangenschaftsbedingungen gehören dazu, die Anonymität, in die sich der Kommandant zurückzieht, Kälte, Finsternis, Schmutz, Ungeziefer, das Absterben der Glieder in den unterirdischen Löchern, in denen Gefangene weder stehen noch gehen oder liegen können, die Ernährung als Form dosierter Vernichtung, der Tod Mitgefangener, der Häftlingen elende Glücksmomente beschert, wenn sie ans Licht tauchen und Gräber ausheben dürfen. Ein menschlicher Ausnahmezustand wird in seine körperlich-seelischen Faktoren zerlegt. So kommt die geniale Primitivität der Vernichtungsmaschine Tazmamart zum Vorschein, die mit scharfem Blick auf schützende Panzer des Subjekts und Abgrenzungen des Zivilisationsprozesses die Austreibung ins Verdrängte organisiert, die Zerstörung elementarer Antriebe, die Verwandlung des Lebens in Abfall, ins Ungenießbare des Exkrements, des Erbrochenen, Stinkenden, des Verwesens bei lebendigem Leibe. Ohne handgreifliche Gewalt werden die Gefangenen in den Wahnsinn getrieben.

Überzeugend sind jene Passagen, wo die Prosa des Autors ohne jede Einfühlung eine Art Mimesis an den entstellten menschlichen Verhältnissen betreibt. So ist die kurze prägnante Beschreibung der Kälte einer der Höhepunkte des Buchs. Der Sachlichkeitsüberschuss der Sätze erfasst den Kern der Vorgänge im Lager, die Verdinglichung der menschlichen Verhältnisse. In ähnlicher Intensität steigert sich das Kapitel über das mentale Training Salims in ein Schreckbild bedrohter Subjektivität. Um des Überlebens willen trennt er körperliche Empfindungen, Hassgefühle, Erinnerungen ab. Gegen das Sterben ringsum mobilisiert der Gefangene die Fähigkeit des Bewusstseins, die eigene Präsenz als nicht vorhanden zu denken: "sich erinnern heißt sterben".

Menschlicher Höllengeist

Allerdings verwandelt seine Präsenz als Ich-Erzähler das "Ende", das er als vollendete Tatsache meldet, in eine bloße Metapher vergangenen Leidens. Die Selbstbeschreibung des Endes führt mitten ins Paradox eines Endspiels, das mit jedem Wort sein Ende aufschiebt. Damit ruiniert Jelloun das Buch nicht grundsätzlich. Wohl aber biegt er in dem Maße, in dem er Lageralltag und die Befindlichkeit Salims untersucht, zunehmend ins Fleisch der Fantasie aus, in Erinnerungen. Damit verwickelt er seine Figur in unrettbare Widersprüche. Als Autor aber gerät er in Loyalitätskonflikte gegenüber seinem Gewährsmann, dem das Buch gewidmet ist.

Zu den enormen Gestalten des Berichts über den unendlichen Augenblick in Kälte und Finsternis gehörte jener Mitgefangene, der die Sekunden zählt. In der sprachlichen Übersetzung wird er zum Organ des Totenreichs. Nun aber zehren die Erinnerungsausflüge des Erzählers eben jenen Zustand auf, das elende Jetzt verschwindet unter Bildern aus einem lebendig wimmelnden Gestern. Wenn alles vorbei ist, wenn der Oktober 1991 kommt, wo er in sein zweites Leben "geboren wird", ist "Das Schweigen des Lichts" ein Beispiel für jene identifikatorische Form des Erzählens, deren Sprache ihre eigene Schwäche rhetorisch bekämpft. Schade, der Roman, den Christiane Kayser so sorgfältig übersetzt hat, hätte als Sprachgeber der Opfer ein afrika-europäischer Beitrag werden können zur Literatur über den Fortschritt menschlichen Höllengeistes.

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