Kultur : Literatur: Die Gesetze des Krieges

Ulrike Baureithel

Die Wahrnehmung eines Schriftstellers im Exil, zumal wenn er islamischer Herkunft ist, erklärte der in Deutschland lebende iranische Autor Faradsch Sarkuhi, hänge mehr davon ab, wie sehr dieser in seinem Heimatland verfolgt werde als von der Qualität seiner Werke. Am meisten Aufmerksamkeit allerdings erlange der Exilierte, der bereits ermordet worden sei. Gelegentlich rückt auch ein dramatisches politisches Ereignis einen verfolgten Intellektuellen ins Gravitationsfeld medialer Wahrnehmung: So nach dem 11. September etwa die in der westlichen Diaspora lebenden Afghanen und Afghaninnen, deren wissenschaftliche oder künstlerische Leistungen bis dahin im Schatten des schlechten Westgewissens standen.

Für einen Tauben schweigt die Welt

So ähnlich mag es auch dem 1962 in Kabul geborenen und 1984 während der sowjetischen Invasion in Afghanistan nach Frankreich geflohenen Atiq Rahimi gegangen sein, der immerhin noch das Glück hatte, aus einer bekannten Kabuler Familie zu entstammen. Bis vor kurzer Zeit arbeitete der in Rouen ausgebildete Literaturwissenschaftler und an der Pariser Sorbonne in Kommunikationswissenschaft promovierte Filmemacher noch für "arte" und publizierte 1999 den in Frankreich kaum wahrgenommenen, in afghanischem Persisch geschriebenen Roman "ChÉakestar o ChÉak". Die politischen Ereignisse spülten das Buch dann ins internationale Lizenzgeschäft. Es ist nun auch in Deutschland unter dem Titel "Erde und Asche" erhältlich.

Für die traumatische Erfahrung des Stimmverlusts der Exilierten findet Rahimi einen ebenso schlichten wie in seiner Komplexität bestechenden Vergleich: Der kleine Yassin ist nach dem Bombenhagel auf sein Dorf Abqul taub geworden. Da ihm dies nicht bewusst ist und es ihm aufgrund seiner Taubheit niemand erklären kann, interpretiert er die Stille um sich herum als Schweigen seiner Umgebung: Die Russen seien gekommen, um von allen Menschen die Stimmen mitzunehmen. "Weshalb", fragt Yassin den mit ihm überlebenden Großvater, "bist du dageblieben und hast deine dir wegnehmen lassen. Hätten sie dich sonst umgebracht? Großmutter hat ihre Stimme nicht hergeben, sie ist tot." Aber wenn er, Yassin, wie der Großvater behaupte, seine Stimme noch habe, warum sei er dann noch am Leben?

Aufbewahrt in dem schrecklichen Erlebnis des Kindes ist die schuldhafte Erfahrung aller Vertriebenen, überlebt zu haben, in der Fremde nicht gehört zu werden und sich den Zurückgebliebenen nicht mehr mitteilen zu können: "Worte, die nicht gehört werden, nützen gar nichts, es sind Tränen."

Am Beginn von Rahimis Erzählung - das Genre "Roman" vermag das kaum 100 Seiten umfassende Bändchen nur zu beanspruchen, weil es die existentiellen Erfahrungen von Leben und Tod, Angst und Schuld und die aufgeschobene und doch verrinnende Zeit thematisiert - begleitet Yassin seinen Großvater Destagir auf dem Weg zu Murad, Yassins Vater, der weit weg vom Dorf in einem Bergwerk arbeitet. Das Dorf, aus dem sie kommen, ist dem Erdboden gleichgemacht, dem Überfall sind die Frauen des Dorfes, auch Yassins Großmutter und Mutter und Tanten, zum Opfer gefallen. Die Welt, die Rahimi vorführt, ist frauenlos, in ihr bewegen sich die Männer wie aufgezogen, wie ohne Aussicht auf Zukunft.

Auf einer öden Landstraße, deren Staub sich in die Poren ätzt, warten Großvater und Enkel vor einem kafkaesk anmutenden Tor auf den Lastwagen, der sie ins Bergwerk bringen soll. Destagir ist zwischen der Aufregung, das Auto zu verpassen und der panischen Angst, dem Sohn das Furchtbare zu berichten, hin und her gerissen.

Um Aufschub vor dem Unausweichlichen flehend und gleichermaßen vom Warten zermürbt und ermüdet, ziehen in der staubigen Einöde Erinnerungsbilder vorbei von den schrecklichen Ereignissen im Dorf, die sich mit quälenden Alpträumen mischen. "Könnte man doch wie ein Neugeborenes schlafen. Einen Schlaf ohne Bilder, ohne Vorstellungen. Könnte man doch wie ein Neugeborenes das Leben von vorne beginnen. Vergebens, es ist unmöglich."

Irgendwann kommt das Auto, Destagir lässt den Enkel bei dem einzigen Menschen zurück, der sein Leid versteht und mit ihm teilt, und macht sich auf, Murad Bericht zu erstatten, ihm den "Dolch ins Herz zu stoßen". Doch er trifft ihn nicht an, er ist im Berg. Destagirs Ängste jedoch erscheinen überflüssig, denn Murad weiß bereits von den Ereignissen - und ist doch nicht ins Dorf gekommen, um seine Toten zu begraben, ein schrecklicher Verrat.

Ist er nur der Täuschung der Besatzer aufgesessen? Wird er kommen, wenn er vom Überleben des Vaters und des Sohnes Kunde erhält? Die Erzählung lässt dies offen, doch die Entscheidung, den Vater zu opfern und von der Schlange gefressen zu werden, liegt bei Murad, während sich Destagir mit aschener Erde unter der Zunge zum Schweigen verurteilt. Welche Form sein Schmerz annimmt, bleibt ungewiss.

Küsse und Schlangen

Atiq Rahimi bettet seine Parabel von den "ZohÉaks", die den Teufel ("Ahriman") küssten und die von diesem gezeugten Schlangen nährten, ein in das aus dem 11. Jahrhundert überlieferte Epos "Buch der Könige" (ShÉanÉma), wie er überhaupt der alten persischen Erzähltradition viel Platz einräumt. Dies gilt auch formal, denn die märchenhafte Erzählung spielt mit der mündlichen Anrede der Figuren, das fiktive Gegenüber bleibt stets präsent.

Die Frage nach dem "weshalb" kann auch das Märchen nicht beantworten, denn "das Gesetz des Krieges ist das Opfer". Wenn Destagir jedoch im Traum die verkohlten Äpfel der Rache aus seinem Bündel wirft, um Murads Mutter den Apfelblütenschal zu überlassen, damit sie die Schande, die über sie gekommen ist, verhüllt, wird möglicherweise "der Berg der Ehre" (Murad), der nach Sühne schreit, besänftigt. Dem tauben Yassin bleibt es überlassen, die Bilder in seinem Inneren weiter zu tragen.

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