Literatur : Die Reise nach Santa Maria

Schreiben im Schacht: zum 100. Geburtstag des uruguayischen Erzählers Juan Carlos Onetti.

Jan Schulz-Ojala

Woran erkennt man, dass ein Künstler – selten genug – einen Konkurrenten wahrhaft schätzt? Daran, dass er den eigenen Ruhm in dem Augenblick verkleinert, da er sich ganz im Triumph sonnen könnte. Daran, dass er sich von dem so innig Verehrten verspotten lässt. Und daran, dass er eines Tages womöglich ein Buch über ihn schreibt.

Kein Geringerer als der vielgerühmte Peruaner Mario Vargas Llosa hat diese drei Liebesbeweise erbracht – gegenüber dem 27 Jahre älteren Juan Carlos Onetti, dem größten Unbekannten der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts. Als der junge Vargas Llosa 1967 für „Das grüne Haus“ den Premio Gallegos erhielt, den wichtigsten Literaturpreis Lateinamerikas, würdigte er zuerst den Romancier aus Uruguay, der bereits mit „Das kurze Leben“, „Die Werft“ und dem beim Preisgericht unterlegenen „Leichensammler“ drei nahezu unbeachtete Meisterwerke veröffentlicht hatte: „Ich denke heute besonders an den großen Onetti, dem wir noch lange nicht die Anerkennung zollen, die er verdient.“

Mit ritterlichem Vergnügen dann verbreitete Mario Vargas Llosa zwei Begebenheiten, in denen er selbst zur Zielscheibe des gefürchteten Onetti’schen Sarkasmus wurde. Zu seiner Jury-Niederlage gegen Vargas Llosa erklärte Onetti damals, beide Romane spielten zwar überwiegend im Bordell, aber das bei Vargas Llosa habe ein Orchester und seines eben nicht – womit er die stets auch folkloristische Komponente des magischen Realismus und der lateinamerikanischen „Boom“-Literatur aufs Korn nahm. Noch böser ist sein Bonmot aus einem Fernsehinterview, in dem er den auf Onettis einzig übrigen Zahn starrenden Interviewer belehrte: „Ich hatte einmal ein herrliches Gebiss, aber das habe ich Mario Vargas Llosa geschenkt.“

Die Anekdoten schmücken, in den Fußnoten, Vargas Llosas soeben erschienenes Werkporträt „Die Welt des Juan Carlos Onetti“ – und mitten in der so kundigen wie eleganten Beschäftigung mit dem allgemein Weniggelesenen, dem die Literaturwissenschaft längst den Rang eines Kafka, Faulkner, Joyce und Camus zuschreibt, tun sie gut. Abwechslungshalber. Denn das imaginäre Universum des Uruguayers ist ein durchweg finsteres, schlafraubendes, von Anfang an.

Schon das schüchterne Kind verkriecht sich zum Lesen am liebsten in einen riesigen alten Schrank – und begibt sich dort zur Probe in die Paralleluniversen des Jules Verne. Und als die KleineAngestellten-Familie aus Geldnot von Montevideo in einen hässlichen Vorort umzieht, sucht sich der notorische Schulschwänzer bald ein neues Leseversteck – auf dem Grund einer Zisterne, in die sein älterer Bruder ihn in einem Eimer hinunterlassen muss.

Ob sich der Jungautor an jene Abenteuer in selbstgewählter Düsternis erinnerte, als er seine erste schmale Erzählung „El pozo“ (Der Brunnen) nannte? 1939 in einer Fünfhunderter-Auflage auf Packpapier gedruckt, kam die deutsche Übersetzung erst ein halbes Jahrhundert später, zu Onettis 80. Geburtstag, unter dem Titel „Der Schacht“ heraus. In den wenigen Dutzend Seiten steckt bereits die ganze Onetti-Welt: selbstmitleidlose Einsamkeit, Verachtung für andere wie für sich selbst und der wuchtige Wille, der Realität wachträumend durch Imagination zu entkommen. „Es gibt niemanden, der eine reine Seele hätte, niemanden, vor dem man sich ohne Scham entblößen könnte“, monologisiert Onettis erster Antiheld Eladio Linacero, ein frisch geschiedener Zeitungsmann – und schreibt ein paar Erinnerungen auf, um sich die lange Nacht zu seinem 40. Geburtstag zu vertreiben.

Es sind Erinnerungen an ein Mädchen, das er als Heranwachsender sexuell drangsalierte und das ihm nun Nacht für Nacht „nackt auf dem Blätterbett“ einer Holzhütte erscheint. Erinnerungen an eine Hure, an die er – ein Spiel aus Langeweile – gratis heranzukommen suchte und an der er, als es ihm schließlich gelang, sogleich die Lust verlor. Erinnerungen an einen preziös schreibenden Poeten, dem er nach gehabter Lesung seinen Ekel vor „Gedichten mit steifem Kragen“ ins Gesicht spuckt. Aber all das zählt zugleich nicht: „Es ist immer die absurde Gewohnheit, dass man Personen mehr Bedeutung beimisst als Gefühlen“, räsonniert der einsame Held. „Mehr Bedeutung dem Instrument als der Musik.“

Ist Onetti dieser Eladio Linacero? Wie immer bei großer Literatur: ja und nein. Als er „El pozo“ schreibt, ist er zum zweiten Mal verheiratet (es sollten vier Ehen werden, die letzte, mit Dolly Muhr, dauerte vierzig Jahre bis zu seinem Tod) und arbeitet als Redakteur. Zeitlebens wählt er unauffällige brotberufliche Positionen, in einer Werbeagentur, bei der Zeitschrift „Marcha“, dann bei Reuters, bald zwischen Montevideo und Buenos Aires wechselnd – und als er 17 Jahre lang Direktor der Stadtbibliothek von Montevideo wird, dann nur deshalb, weil der Präsident des Landes, ein persönlicher Freund, ihm Freiraum zum Schreiben verschaffen will. 1974 zerstört die Militärdiktatur diesen Frieden: Onetti wird als Mitglied einer Jury, die das „subversive“ Buch eines Jungautors auszeichnet, monatelang eingesperrt. Auf internationalen Druck kommt der 64-Jährige frei und geht für immer ins spanische Exil.

Auch wenn Onetti durch diese Lebenstragödie erst richtig berühmt wird: Sein Hauptwerk liegt da bereits ein Vierteljahrhundert vor – angefangen mit „Das kurze Leben“ (1950). In diesem unerhörten Roman entwirft Onetti jene Parallelwelt namens Santa María, in der die Figuren auch seiner künftigen Bücher überwiegend zu Hause sind. Und er erfindet sie sich buchstäblich, vor den Augen des Lesers, indem sein Held Juan Maria Brausen schrittweise die Identität wechselt: Der antriebslose Werbetexter, dessen krebskranke Frau in der Klinik liegt, macht sich unter fremdem Namen an eine in der Nachbarwohnung arbeitende Prostituierte heran, schreibt ein Drehbuch, erfindet sich darin die Rolle eines Arztes namens Díaz Grey, und als ein Mord die Verhältnisse verwickelt, verwandelt er sich ganz und gar in diesen Anderen – mit Praxis am Hauptplatz einer Kleinstadt namens Santa María.

Dieses erdachte, werkübergreifende Universum, das an William Faulkners Yoknapatawpha County erinnert, eröffnet sich, faszinierend trüb illuminiert, am Ende des Onetti’schen Seelenschachts. Und lenkt den Blick auf eine banale, triebgesteuerte Gespensterwelt, in der Menschen einander aus Not und Lust und Gier fortwährend Böses antun und mehr aus Erschöpfung denn Verzweiflung in Wahn oder Selbstmord fliehen.

Zu deren Protagonisten, die auch in den späteren Romanen und Erzählungen herumirrlichtern, gehören der durchtriebene Pfarrer Bergner, der gescheiterte Unternehmer Jeremías Petrus, der fatalistische Kommissar Medina, allerlei unglückliche, oft geistesverwirrte Frauen – und der Zuhälter Larsen. In „Leichensammler“ eröffnet er ein Bordell, muss es aber bald mitsamt seiner ältlichen Huren wieder räumen. Später ist er Geschäftsführer einer bankrotten Werft; nur deren Betreiber tun noch so, als ob sie funktioniert. Und Brausen, der Erfinder des Ganzen? Wird irgendwann, schwärzester Witz, zum Gott befördert.

In kühlem, hochpräzisem Stil, der anlauflos stets neue Tableaus entwirft und zum langsamen Lesen zwingt, entwickelte Onetti seine Eigennebenzwischenwelt immer weiter, bis zum letzten, 1993 ein Jahr vor seinem Tod erschienenen Roman „Wenn es nicht mehr wichtig ist“. Jene späten Jahre hat Onetti, ein ziemlich rüstiger Oblomow, überwiegend im Bett verbracht – bei reichlich Whisky und Rauchwaren, dazu viel Krimilektüre. Mit dem Diesseits war er schon früh fertig, mit dem Jenseits ebenso. „Das Leben ist wie meine Bücher, eine Farce“, heißt es in einem seiner letzten Interviews. „Wenn es jemanden gäbe, der das alles erschaffen hat – er müsste von unendlicher Grausamkeit sein.“

Zu Juan Carlos Onettis 100. Geburtstag sind bei Suhrkamp erschienen: Mario Vargas Llosa, Die Welt des Juan Carlos Onetti (221 S., 24,80 €) und, im Vorgriff auf den im Herbst erscheinenden dritten Band der Werkausgabe, Onettis früher Roman „Für diese Nacht“ (230 S. 22,80 €). – In Berlin liest an diesem Mittwoch Denis Abrahams aus Onettis Erzählungen (20 Uhr im Lettrétage, Methfesselstraße 23-25, Kreuzberg).

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