• Literatur: Ein Sohn namens Siegfried. Harry Mulisch versucht, Adolf Hitler neu zu erfinden

Kultur : Literatur: Ein Sohn namens Siegfried. Harry Mulisch versucht, Adolf Hitler neu zu erfinden

Stephan Pabst

Nachdem sich Harry Mulisch schon mit der "Entdeckung des Himmels" als Bestsellerautor erwiesen hatte, hat sich auch sein neuer, dreizehnter Roman in Holland bereits über 100 000 Mal verkauft. Wieder kreisen die Überlegungen des Sohnes einer deutschen Jüdin und eines österreichischen Offiziers, der mit den Nazis kollaborierte, um die Schrecken des Dritten Reiches. Wieder versucht er, sich die Fragen, die die Geschichte offen ließ, in Form eines literarischen Experiments zu beantworten.

"Phantasieexperimente" nennt es Rudolf Herter, ein niederländischer Schriftsteller, dessen bekanntestes Buch, die "Entdeckung der Liebe", ihn als fiktiven Wiedergänger Mulischs selbst kennzeichnet. Ein Interview, das Herter kurz nach seiner Ankunft in Österreich gibt, bietet nicht nur Gelegenheit zur Selbstreflexivität, dazu, das eigene literarische Programm der fiktiven Experimente zu erläutern, es bringt den alternden Autor auch auf die Idee, an welcher Person sich dergleichen Experimentierlust diesmal abmühen soll: Hitler. Harry Mulisch alias Rudolf Herter läßt sich nicht lumpen.

Schon bald verheddert sich Herter in der Aussichtslosigkeit seines Erklärungsversuchs. Hitler als theologisches Phänomen, als Nichts, das als horror vacui Begeisterung erzeugt, als "Meta-Naturphänomen", als Konsequenz von Wagner und Nietzsche, Hitler gezeugt im Moment des geistigen Zusammenbruchs Nietzsches, spekuliert Herter in einem Anflug von Vulgärkabbalistik; all das sind Hohlformen, die mit Bildung wettzumachen suchen, was ihnen an Erklärungsmöglichkeit mangelt. Sicher, die Parallelität von Künstler und Diktator ist auch einem der literarischen Vorgänger geschuldet, Thomas Manns "Doktor Faustus", den Herter namhaft macht. Aber Mann verzichtet auf derart unmittelbare Vergleiche und bricht das Verhältnis zu seinem Erzähler mehrfach ironisch. Bei Herter hingegen weiß man nicht, ob man die Parallele für eine Hybris Herters oder für eine Trivialisierung Hitlers halten soll.

Der etwas pädagogische Ton, mit dem Herter den Leser und seine junge Frau mit lediglich dem Gestus nach "theologischen" Erklärungen Hitlers versorgt, lässt die eingangs mühsam aufgebaute Selbstreflexivität in Selbstgefälligkeit umschlagen. Diese Irrgänge der experimentellen Phantasie werden allein durch zwei ehemalige Hausangestellte Hitlers im Zaum gehalten, die Herter nach einer Lesung mit einer Geschichte überraschen, die sozusagen der geplanten Geschichte Herters zuvorkommt.

Herr und Frau Falk enthüllen, dass in der Reichskristallnacht Eva Braun Hitler einen Sohn geboren habe, dessen sich das Ehepaar Falk in der Folge als Pflegeeltern annahm, auf Befehl des Führers, versteht sich. Siegfried heißt der Knabe, nach dem "großen germanischen Helden, der das Fürchten nicht kannte", erklärt Herter-Mulisch dem debilen Leser, den der Text stellenweise vorauszusetzen scheint. Natürlich ist dem Sohn Hitlers kein langes Leben beschieden. Denn 1944 befiehlt Hitler seinen Angestellten, Siegfried umzubringen, ein Befehl, der vom Pflegevater im Schießstand ausgeführt wird. An diesem Entschluss Hitlers wird Herter aber nur einmal mehr deutlich, dass Hitler psychologisch nicht zu begreifen ist.

Erst fingierte Tagebuchaufzeichnungen Eva Brauns konstruieren die abenteuerliche Vermutung, dass Himmler die Geburtsunterlagen der Familie Braun habe fälschen lassen, um Eva Brauns Schwester aus dem Weg zu räumen und Hitler selbst ein Bein zu stellen. Diese Aufzeichnungen von den letzten Tagen im Führerbunker setzen die Soap vom Obersalzberg fort und unternehmen den Versuch, Hitler näherzukommen, indem sie ihn privat zeigen. Was aber dabei zum Vorschein kommt, ist ein seniler Mann, der vor seinem "Patscherl" von caesarischen Dynastien träumt, und ein führerblindes Mädchen, deren letzte Gedanken den toten Hunden Hitlers gelten. Hitler, das Phänomen, und Hitler, die Person, bleiben unvermittelt nebeneinander stehen, ohne einander wechselseitig zu erklären.

In diesem Missverhältnis steckt das eigentliche Rätsel, mit dem sich Mulischs Roman beschäftigt. Mulisch gelingt es aber nicht, diesen Erklärungsnotstand selbst zum Ereignis werden zu lassen. Während sich die Spekulationen über Hitler in theo-philosophischen Großvokabeln versteigen, die literarisch nicht mehr mit Bedeutung zu füllen sind und überdies die Tendenz haben, Hitler, so Mulisch, zum "Naturereignis" zu erklären, womit sich dann zwischen Holocaust und Naturkatastrophen gar kein Unterschied mehr machen ließe, endet die Erzählung über Hitler in kleinlichen Ressentiments. So schlagen schließlich alle Erklärungsversuche fehl, und der Protagonist erliegt beim Diktat seiner Überlegungen zu Hitler einem Herzversagen.

"er ...er ...er" sind die letzten enigmatischen Worte, die man auf seinem Diktiergerät hört, Worte, die Hitler nach einem Alptraum gemurmelt haben soll. Man darf also spekulieren, ob Herter seinem Ziel am Ende doch tödlich nahegekommen sei. In jedem Sinne wäre er dann der Parallelität mit Hitler erlegen. Der Erkenntnisanspruch der Literatur, mit dem der Roman so vielversprechend auftritt, verliert sich in einer zweifelhaften Dialektik der Unverständlichkeit, die Mulisch in einem Interview auf den Punkt brachte: "Ich habe ihn verstanden, weil ich nichts verstanden habe." Ob sich mit solcher Bescheidenheit der Leser zufrieden gibt, dem "etwas Endgültiges" über Hitler angekündigt worden war, bleibt fraglich. Wahrscheinlich scheitert der Roman eben an der Stelle, an der er mit diesem Anspruch auftritt.

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