Literatur : Elvis aus dem Maghreb

Die Marokkanerin Najat El Hachmi erzählt die Tragödie eines lächerlichen Patriarchen - ein souverän und schnörkellos erzähltes Psychogramm familiärer Katastrophen.

Andreas Pflitsch
In Marokko geboren, in Katalonien zu Hause. Najat El Hachmi.
In Marokko geboren, in Katalonien zu Hause. Najat El Hachmi.Foto: S. Koth/Wagenbach

Zu besichtigen ist eine aussterbende Art. Mimoun Driouch, der „letzte Patriarch“ von Najat El Hachmis gleichnamigem Roman, steht am Ende einer langen Abfolge von Vorfahren, die „mit der Unbeirrbarkeit der großen biblischen Gestalten“ über die Jahrhunderte eine Tradition fortgeführt haben. In Marokko als lang ersehnter erster Sohn nach drei Töchtern geboren, wächst Mimoun unter der Strenge des Vaters auf, der ihn in einem Anfall von Jähzorn schon als Säugling fast totschlägt, was der Mutter fortan als Entschuldigung dient: „Wann immer Mimoun ihnen irgendwelche Sorgen bereitete, erzählte sie dieselbe Geschichte. Mein armer Sohn.“

Es ist dieser Zangengriff aus väterlicher Strenge und mütterlicher Nachsicht, dem Mimoun die Verbindung eines obsessiven Ehrbegriffs mit der Lizenz zur eigenen Übertretung sämtlicher Regeln verdankt. Mit anderen Worten, er ist ein Ausbund der Bigotterie. Von seinen älteren Schwestern lässt er sich bedienen wie ein Pascha, und als drei Jahre nach ihm ein weiterer Bruder geboren wird, sieht er sich derart tief verletzt, dass man in der Familie mit Recht einen Brudermord vermutet, als das Kind tot in der Wiege aufgefunden wird.

Mimoun versagt in der Schule, wird als Kind vom Onkel missbraucht, vergeht sich seinerseits an der Nachbarin, um sie anschließend, als er merkt, dass er nicht der einzige ist, die „größte Schlampe im ganzen Dorf“ zu schimpfen. Er legt sich mit seinem Vater an, gefällt sich, ein pubertierender „marokkanischer Elvis aus der Provinz“, als Womanizer und entwickelt sich zu einem Heißsporn, der mit dem Kopf durch jede Wand geht.

„Wenn er erst einmal seine Frau an seiner Seite hat“, ist sich seine Mutter sicher, „wird er keine Tollheiten mehr anstellen.“ Aber die Hoffnung trügt. Frisch verlobt zieht es Mimoun in die Fremde, nach Spanien, wo er nicht nur Arbeit, sondern auch erotische Abenteuer sucht. Er lernt seinen Exotenbonus auszuspielen, bändelt mit der Gattin seines Chefs an, wird ausgewiesen und kehrt in sein Heimatdorf zurück. Es folgen Hochzeit, ein zweiter Versuch, in Spanien zu Geld zu kommen, Affären und Spielsucht. Schließlich wird die junge Familie nach Spanien nachgeholt, wo sie Mimouns cholerischen Anfällen ausgeliefert ist: „Und so begann die Hölle. Nicht mehr und nicht weniger.“

Das Familienoberhaupt unterscheidet einzig zwischen Schande und Ehre, personifiziert in fluchwürdigen Huren und züchtigen Jungfrauen. Gelegentlich überzeichnet die Autorin ihren Protagonisten zur Karikatur. Aber im Laufe des Romans rückt Mimoun in den Hintergrund und zentral wird die Erzählerin, seine Tochter, die sich zur eigentlichen Protagonistin aufschwingt.

Die 1979 in Marokko geborene, in Katalonien aufgewachsene und lebende Najat El Hachmi hat mit „Der letzte Patriarch“ einen Erstling vorgelegt, der Bildungs- und Familienroman, Gastarbeitersaga und Integrationsepos zugleich ist. Mit ihrem Sittenpanorama ist ihr ein böser Abgesang auf die patriarchalischen Traditionen gelungen, ein souverän und schnörkellos erzähltes Psychogramm familiärer Katastrophen.

Die Abrechnung zielt dabei nicht alleine auf die Männer ab: „Viele der Erfolge des großen Patriarchen lassen sich nur mit dem Verhalten der Frauen erklären, die immer um ihn herum waren und ihm, früher so wie heute, die Kastanien aus dem Feuer holten: Großmutter, die Tanten und später Mutter.“ Die Erzählerin weiß, „dass die Frauen in seinem Leben ihn mit der Zeit zu einem Patriarchen machten“ und erkennt im Umkehrschluss, dass es an den Frauen ist, dem Spuk ein Ende zu bereiten.

So beobachten wir in Mimoun einen einfältigen Mann, dessen Benehmen sich vor allem seiner Trägheit verdankt. Um wirklich böse zu sein, fehlt es ihm an Format, und die Kläglichkeit seines bauernschlauen Pragmatismus lässt gelegentlich sogar Mitleid mit ihm aufkommen. Ein solches Mitleid dürfte von einem Patriarchen als die schlimmste Form der Rache empfunden werden.

Najat El Hachmi: Der letzte Patriarch. Roman. Aus dem Katalanischen von Isabel Müller. Wagenbach, Berlin 2011. 346 Seiten, 22,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben