Literatur : Entzünde dich selbst

„Der Mann ohne Gedächtnis“, der auch ein "Artistenmetaphysiker“ und ein "halluzinatorischer Egoist" war: In seiner akribischen Gottfried-Benn-Biografie konnte Holger Hof erstmals auch die 59 Tageskalender systematisch einarbeiten, in denen der Dichter von 1934 bis 1956 seinen Alltag protokolliert hat.

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Dichter dran. Dr. Gottfried Benn im Labor.
Dichter dran. Dr. Gottfried Benn im Labor.Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb

„Belangloser Entwicklungsgang, belangloses Dasein als Arzt in Berlin.“ Mit diesem depressiv getönten Understatement stellte sich Gottfried Benn einst in der epochalen Lyrikanthologie „Menschheitsdämmerung“ vor, dem fiebrigen Gründungsdokument des literarischen Expressionismus. Aus der gefühlten Belanglosigkeit, seiner großen Krise des Jahres 1922, sollten sich für den damals 35-jährigen Dichter, der sich nach dem Misserfolg seiner „Gesammelten Schriften“ „total erledigt“ fühlte, bald neue Wege der Selbsterrettung eröffnen. Trotz seiner ästhetischen Selbstisolierung stieg Benn in den späten Jahren der Weimarer Republik zum Superstar auf, und selbst sein Opportunismus gegenüber den nationalsozialistischen Machthabern konnte seinem Kultstatus bei den Nachgeborenen bis heute nichts anhaben.

Benns Wirkungsgeschichte bis in die Gegenwart ist immens: Sowohl der „Medizyniker“ und kalte „Intellektualist“ Benn wie auch der melancholische Sehnsuchtssänger und Artist der monologischen „Selbstentzündung“ sind ein Faszinosum geblieben, sein Bekenntnis zur „Transzendenz der schöpferischen Lust“ gehört auch noch im 21. Jahrhundert zu den zehn Geboten der Gegenwartslyrik. Zum fünfzigsten Todestag des Dichters sind vor ein paar Jahren zahlreiche Bücher erschienen, die trotz grimmiger Seitenblicke auf Benns schwer erträgliche Liaison mit den Nazis letztlich als Huldigungsschriften gelesen werden konnten.

Mann ohne Gedächtnis

Erst zum 125. Geburtstag des Dichters ist nun auch eine umfassende Biografie erschienen, die über gesinnungsethische Reminiszenzen und unterwürfige Paraphrasierungen hinausgelangt. Holger Hof, ihr Autor, ist Mitherausgeber der Stuttgarter Benn-Ausgabe und hat über Jahre hinweg die kaum mehr zu überblickende Benn-Forschung akribisch ausgewertet. Was er nun als Summe seiner Recherchen vorlegt, entwirft zwar keineswegs das Bild eines „völlig neuen Gottfried Benn“, das der Klappentext herbeiorakelt, aber immerhin das Porträt eines „Mannes ohne Gedächtnis“, der sich dem dionysischen Selbstgenuss und Selbstvergessen überlässt: „Zwischen Asphodelen schaut er sich selbst in stygischer Flut.“

Im Gegensatz zu den rudimentären Benn-Biografien früherer Jahre konnte Hof erstmals die 59 Tageskalender systematisch einarbeiten, in denen der Dichter von 1934 bis 1956 seinen Alltag protokolliert hat. Um die Differenz zu markieren, eröffnet Hof seine Biografie mit einer traumatischen Schlüsselszene im Leben Benns, die Klaus Theweleit in seinem berühmten „Buch der Könige“ (1988) zu einer waghalsigen Spekulation provoziert hatte. Es geht um die Entscheidung Benns, im April 1945 seine zweite Ehefrau Herta von Wedemeyer aus dem von alliierten Luftangriffen und der Roten Armee bedrohten Berlin in Sicherheit zu bringen. Benn ließ sie damals nach Neuhaus an der Elbe evakuieren, während er selbst noch in Berlin blieb. Die Verbindung zwischen beiden riss ab, und Herta Benn setzte sich am 2. Juli 1945 eine tödliche Morphiumspritze, aus Angst vor den in die Stadt einrückenden russischen Truppen.

"Frauenopfer" für die Lyrik?

Klaus Theweleit hat diese Szene als Bild einer verhängnisvollen Selbsttranszendierung des Dichters dechiffriert. Benn habe Hertas Tod billigend in Kauf genommen, weil er nur über die Verlusterfahrung zu seiner Lyrik zurückfinden, mit einem „Frauenopfer“ seine ästhetische Produktion neu begründen konnte. Diese kriminalistische Lesart hat Holger Hof nun dank seines detailscharfen Blicks auf die konkreten Umstände des Ereignisses deutlich relativiert, wenn auch nicht entkräftet. An vielen Einzelheiten kann Hof zeigen, dass Benn seine Frau im April 1945 zwar „mit großer Gleichgültigkeit“ aus Berlin verabschiedet hatte, sich von ihrem Selbstmord aber zutiefst erschüttert zeigte und viele Monate nicht darüber hinwegkam.

Überhaupt ist es dieses Eröffnungskapitel, das mit seinen akribisch recherchierten Details zu den konkreten Lebensumständen des Dichters im umkämpften Berlin die Stärken dieser Biografie zeigt. Holger Hof konzentriert sich auf die penible Erschließung der biografischen Fakten und wahrt eine auffällige Distanz zu den meist ideengeschichtlich orientierten oder weltanschaulich aufgeladenen Beschreibungen, die in der Benn-Rezeption bislang dominierten. Freilich bringt dieses nüchtern-positivistische Verfahren nicht nur Erkenntnisgewinne. Unterbelichtet bleiben viele poetologisch-ästhetische Fragen, wenig Neues erfährt man auch über Benns letztlich gescheiterte Anbiederung an die Stallwärme der faschistischen „Volksgemeinschaft“.

Habitus der Kälte

Eine fast vollkommene Leerstelle in dieser Biografie bleibt das Verhältnis zwischen Benn und Brecht, deren Werk viel mehr untergründige Parallelen aufweist – im Habitus der Kälte, im Frauenbild oder auch im hedonistischen Gestus der späten Gedichte – als Hof in seinen mageren Ausführungen dazu erkennen lässt. Dennoch: Wer künftig den Lebensspuren des „Artistenmetaphysikers“, des „halluzinatorischen Egoisten“ und großen Frauenverlassers folgen will, wird ohne Holger Hofs Lebensbeschreibung nicht auskommen.

Holger Hof: Gottfried Benn: Der Mann ohne Gedächtnis. Eine Biografie. Klett-Cotta, Stuttgart 2011. 540 S., 26,95 €. Der Autor stellt sein Buch am Dienstag, 13.12. um 20 Uhr im Literarischen Colloquium Berlin im Gespräch mit Jörg Magenau vor.

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