Literatur : Friedenspreis für Orhan Pamuk

Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk (53) erhält dieses Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In der Begründung heißt es, Pamuk habe ein Werk geschaffen, "in dem Europa und die muslimische Türkei zusammenfinden".

Frankfurt/Main (22.06.2005,16:55 Uhr) - Pamuk sei einem Begriff von Kultur verpflichtet, «der ganz auf Wissen und Respekt vor dem anderen gründet», hieß es zur Begründung. Er habe ein Werk geschaffen, «in dem Europa und die muslimische Türkei zusammenfinden». Die mit 25 000 Euro dotierte Auszeichnung, eine der renommiertesten in Deutschland, wird Pamuk am 23. Oktober zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche verliehen.

«Mit Orhan Pamuk wird ein Schriftsteller geehrt, der wie kein anderer Dichter unserer Zeit den historischen Spuren des Westens im Osten und des Ostens im Westen nachgeht», begründete der Stiftungsrat seine Wahl. Zugleich trete Pamuk immer wieder für Menschen- und Minderheitenrechte ein und beziehe Stellung zu den politischen Problemen seines Landes. In seiner Heimat sieht sich Pamuk dagegen Anfeindungen nationalistisch gesinnter Türken ausgesetzt, weil er Anfang dieses Jahres an die Ermordung von rund einer Million Armeniern im Osmanischen Reich 1915/16 erinnerte. Unter anderem forderte ein Politiker, Pamuks Bücher sollten verbrannt werden.

Der in Istanbul lebende Pamuk, der Architektur und Journalismus studierte, kommt aus einer großbürgerlichen Familie. Er wurde mit Romanen wie «Die weiße Festung», «Rot ist mein Name» und zuletzt «Schnee» bekannt. Seine vielfach ausgezeichneten Bücher, die in 34 Sprachen übersetzt wurden, werden in der Türkei vor allem von der jüngeren Generation gelesen. Von der «New York Times» wurde «Schnee», ein Buch über die Konfrontation von westlicher und islamischer Kultur, als das beste ausländische Buch 2004 gefeiert.

Der Direktor des Essener Zentrums für Türkeistudien, Faruk Sen, wertete die Auszeichnung für Pamuk als «hervorragende Entscheidung». «Das kann Wellen schlagen», sagte Sen. Es sei wichtig, dass es kritische Schriftsteller in der Türkei gebe. Auch für das Land sei der Preis eine Anerkennung. Auch der Kölner Autor und Publizist Ralph Giordano sprach von einer ausgezeichneten Wahl. Pamuk habe öffentlich ein Bekenntnis gegen die «türkische Lebenslüge» abgegeben, sagte Giordano, der einst eine Dokumentation zum Völkermord an der armenischen Bevölkerung produzierte.

«Voller Freude, aber auch mit etwas gemischten Gefühlen» reagierte Pamuks Lektorin beim Münchner Hanser Verlag, Anna Leube, auf die Nachricht vom Friedenspreis. Nach den Anfeindungen gegen Pamuk in der Türkei «bange ich ein bisschen, weil Pamuk durch den Preis noch mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten wird.» Der Programmgeschäftsführer des Fischer Taschenbuch Verlags, Peter Lohmann, sagte, Pamuk sei «nicht nur einer der bedeutendsten Prosa- Autoren der heutigen Türkei, er ist auch ein mutiger Autor, der unbequeme Themen seines Landes aufgreift, die zu heftigen Reaktionen in der Türkei wie auch im Ausland führen».

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels gehört zu den bedeutendsten Auszeichnungen in Deutschland. Seit 1950 werden mit dem Preis Persönlichkeiten aus dem In- oder Ausland geehrt, die auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen. Im vergangenen Jahr wurde der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy ausgezeichnet, 2003 die amerikanische Intellektuelle Susan Sontag. Das Preisgeld wurde in diesem Jahr von 15 000 auf 25 000 Euro erhöht. (tso)

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