Kultur : Literatur: Heller als Hemingway

Thomas Schaefer

An André Heller schieden sich schon immer die Geister: War er den einen als Lieferant parakitschigen Talmis ein Gräuel, feierten ihn die anderen als fantasiemächtigen Magier poetischer Ereignisse. Diese Polarisierung betraf nicht nur den Multimediasassa und Wunderunternehmer, den Liedermacher und Varietéwiederbeleber, sondern auch den sporadisch auftretenden Verfasser kurzer Prosa. Ernst genommen wurde Heller als Schriftsteller eher nicht.

Vielleicht ändert sich das mit dem Reigen neuer Kürzesterzählungen. Selbstverständlich spielt auch diesmal Wien, von Heller ehedem als "Aphrodisiakum für Nekrophile" beraunt, eine Rolle, ebenso die Hellersche Vergangenheit als Internatsschüler und Sohn eines Zuckerlfabrikanten. Und doch werden Hellervertraute überrascht. Nicht nur, weil die Geschichten diesmal überwiegend rund ums Mittelmeer angesiedelt sind, sondern vor allem, weil Heller seine Miniaturen in einem ungewohnt verhaltenen Ton erzählt.Es sind Momentaufnahmen, die mitunter mehr an Hemingway als an Schnitzler erinnern. Kleine Auftritte, die an orientalische Märchen anknüpfen und in wenigen Skizzen Wesen und Geschichte einer Figur andeuten, wobei die Liebe - wenn überhaupt - sehr mittelbar und schüchtern erscheint. In einer sorgfältig ziselierten Sprache erzählt Heller von Einsamen und Außenseitern. Deren - wie einst ein Hellerlied hieß - "wahren Abenteuer sind im Kopf": "Ich sehe Berge gerne aus der Ferne, aber nichts zieht mich hinauf zu ihnen. Meine erstrebenswerten Gipfel sind das Erlebnis von Schubert-Klaviersonaten oder das Lachen meines Sohnes. Von dort habe ich jene Aussichten und Einsichten, jenes Gefühl der besonderen Gottesnähe, von dem kluge Alpinisten so überzeugend berichten können."

Es sind Menschen, die aus dem Rahmen fallen oder gestürzt werden, denen Wunder und Rätsel widerfahren. Die Rechtsanwältin Olga Cator etwa, die durch den Anblick eines Fotos vom Markusplatz an eine frühere venezianische Existenz erinnert wird, die "kleine Frau", die sich von "den Düften des Souks, den Wohlgerüchen und dem Gestank" ernährt. Oder der Mann, der im KZ durch die Betrachtung des Himmels überlebt. Wehmütig erzählt Heller von der Kindheits-"Reise zum österreichischen Äquator am Rande der Arktis" ins Naturhistorische Museum, von Gesprächen mit dem unglücklichen Max, von den parfümierten Händen des zuschlagenden Vaters und von befreienden Aufbrüchen: "An jenem Morgen elektrisierte mich plötzlich die Erkenntnis, dass eine andere, aufregendere und befriedigendere Art von Dasein durchaus im Bereich des Möglichen lag, vorausgesetzt, ich würde zu einer handelnden Person."

Chronische Hellerverächter werden vermutlich auch diesmal ihre Argumente finden; aber die Suche ist ihnen schwerer gemacht. "Ich habe aufgeschrieben, was ich erinnere. Wer es brauchen kann, dem soll es gehören" sagt der titelgebende ehemalige Hund.

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