Literatur in China : Harmonie oder Demokratie

Die deutschen Buchverlage bescheren ihren Lesern eine nie dagewesene Fülle von Neuerscheinungen chinesischer Belletristik. Ein Panorama vor der Buchmesse.

Eigentlich hatte sich alles gut angelassen: Nach weitgehender Zurückhaltung seit der Tiananmen-Tragödie vom 4. Juni 1989 bescheren die deutschen Buchverlage den Lesern in diesem Jahr eine nie dagewesene Fülle von Neuerscheinungen chinesischer Belletristik. Aber der Eklat auf dem China-Symposium, der misshandelte Ai Weiwei im Krankenbett – das hinterlässt Schmutzflecken auf dem roten Teppich für den Gastlandauftritt Chinas bei der Frankfurter Buchmesse, die am 14. Oktober eröffnet wird.

Zu den Autoren, deren Werke unter den mehr als fünfzig Romanen und zwei Dutzend Anthologien aus China auf der Messe präsent sein werden, gehören neben Literaten aus der Volksrepublik auch solche, die im westlichen Exil oder im „anderen China“, in Taiwan leben. Unter den übersetzten Büchern sind Romane, die in China in Millionenauflagen erscheinen, und solche, die auf dem Festland nicht, wohl aber in Hongkong oder Taiwan gedruckt werden. Ferner wird ein großes Aufgebot chinesischsprachiger Schriftsteller in Frankfurt anwesend sein.

Auffällig abwesende Autoren gibt es allerdings auch. Einer von ihnen ist Yan Lianke, Verfasser des in China wegen „schwerwiegender gedanklicher Irrtümer“ sowie „vulgärer und obszöner Darstellungen“ verbotenen Romans „Dem Volke dienen“ (Ullstein, 2007) und des ebenfalls von der Obrigkeit missbilligten Romans „Der Traum meines Großvaters“ (Ullstein, 2009). Diese Gemengelage, eine Herausforderung für das „offizielle“ China, wirft in unserem Land sofort die Frage nach der Zensur auf, haben wir Deutschen doch selbst genügend Erfahrungen mit Bücherverboten gesammelt.

Hinsichtlich der Pressefreiheit nimmt die Volksrepublik in der Rangliste von „Reporter ohne Grenzen“ Platz 167 von 173 ein – dabei sind in der chinesischen Verfassung Presse- und Meinungsfreiheit garantiert. Dennoch wird durch das Amt für Presse und Publikationen – das seinerseits von der Propagandaabteilung des Führungsorgans der Kommunistischen Partei kontrolliert wird – dafür gesorgt, dass in den Medien einschließlich des Internets bestimmte Themen nicht oder nur entsprechend der offiziellen Lesart behandelt werden. Das Spektrum reicht von politischen Fragen – Forderungen nach mehr Demokratie, Auseinandersetzungen zwischen Han-Chinesen und nationalen Minderheiten (Tibeter, Uiguren) – über „illegale Sekten“ (Falun Gong) bis zu Pornografie oder dem, was im einst so sinnenfrohen Reich der Mitte als solche gilt. Grundsätzlich unerwünscht ist alles, was die „Stabilität und Einheit Chinas“ gefährden könnte. Kurz: Es gibt in China zwar de jure keine Zensur, wohl aber de facto.

Ausgeübt wird sie in erster Linie nicht von der staatlichen Behörde, sondern von den rund 570 Verlagen, sämtlich in Staatseigentum, die offiziell allein berechtigt sind, Bücher herauszubringen. Diese Verlage sind für ihren wirtschaftlichen Erfolg selbst verantwortlich und haben daher ein Interesse daran, dass ihre Publikationen in möglichst hohen Auflagen erscheinen. Wann immer Schriftsteller Tabuthemen in nonkonformistischer Weise bearbeiten, tritt die Schere im Kopf der Verlagsleitungen in Aktion. Denn das nachträgliche Verbot eines Buchs kann für den Verlag einen immensen finanziellen Verlust bedeuten, muss er doch dafür sorgen, dass das inkriminierte Werk aus den Buchhandlungen verschwindet.

So ist das Gewinnstreben der effektivste Zensor. Die Folge: Heikle Bücher werden allenfalls auf dem grauen Markt in den zahllosen privaten „Kulturagenturen“ herausgebracht, die ihrerseits den staatlichen Verlagen die für jede Buchveröffentlichung benötigte Lizenznummer abkaufen müssen. Daneben gibt es Piratenausgaben von Hinterhofverlagen, die von ihrem Ausstoß her die offiziellen Verlage längst überholt haben dürften.

Wie effizient sind die offiziellen oder offiziösen Maßnahmen zur Reglementierung der Bücherproduktion in China? Die Grenzen des Erlaubten werden immer weiter gesteckt, fließend sind sie ohnehin. Ein Roman wie Yu Huas „Brüder“ (S. Fischer, 2009), der in ungekannter Deutlichkeit die Gräuel der Kulturrevolution, den Werteverfall und die sozialen Verwerfungen im heutigen China thematisiert, hat anstandslos die Zensur passiert. Yu Hua zufolge wurde „kein einziges Wort des ursprünglichen Textes verändert“.

Umso verwunderlicher, dass Yan Liankes r Roman „Der Traum meines Großvaters“ kurz nach Erscheinen zurückgezogen werden musste, obwohl es darin um ein mittlerweile auch von Presse und Fernsehen behandeltes Thema geht, den AidsSkandal in den 90er Jahren. Interessant auch, dass Yan Lianke, der als Armeeangehöriger zum Schriftsteller geworden ist und in keiner Weise als Dissident angesehen werden kann, trotz der Probleme mit seinen Büchern seit kurzem an der renommierten Pekinger Volksuniversität Kreatives Schreiben lehrt.

Man fragt sich ohnehin, welchen Sinn der Versuch einer Reglementierung von Belletristik noch haben kann, da missliebige Texte unter dem Ladentisch durchaus zugänglich sind, auch in Ausgaben aus Hongkong, Taiwan oder Singapur. Oder in Fassungen, die im Internet kursieren – dort stoßen Versuche staatlicher Kontrolle auf immer größere Schwierigkeiten –, ganz zu schweigen von Übersetzungen in fremde Sprachen, die in manchen Buchhandlungen offen angeboten werden.

Ebenso differenziert wie das Thema Zensur muss man auch den Mythos von „Staatsschriftsteller“ versus „Untergrundliterat“ sehen. Einen Autor von Weltbedeutung wie Mo Yan, von dem in diesem Jahr gleich zwei große Romane in Deutschland erschienen sind („Der Überdruss“ bei Horlemann und „Die Sandelholzstrafe“ im Insel-Verlag), als Staatsschriftsteller abzuqualifizieren, wäre absurd. Mitglieder des Schriftstellerverbands werden zwar in der Regel staatlich alimentiert, manch einer verzichtet auch auf sein „Gehalt“. Doch gefährden sie damit nicht automatisch ihren Status als Künstler, indem sie etwa zu Sprachrohren regierungsamtlicher Meinungen werden.

Unabhängige Geister gibt es unter Mitgliedern wie unter Nichtmitgliedern des Verbands. Überhaupt ist das geistige Klima in den letzten zwanzig Jahren freier geworden; ein Vergleich mit der von Repression und Stagnation geprägten Atmosphäre in ehemals sozialistischen Ländern wie der DDR wäre abwegig.

Yu Hua, Mitglied der in Frankfurt erwarteten offiziellen Delegation, schrieb einmal: „Mein Roman ,Brüder’ entstand im Gefolge des Aufeinandertreffens zweier Epochen, des dem europäischen Mittelalter vergleichbaren Zeitalters der ,Kulturrevolution’ mit seinem krankhaften Fanatismus, seinen unterdrückten Trieben und seinen trostlosen Schicksalen einerseits und der eher dem heutigen Europa entsprechenden chinesischen Gegenwart mit ihrem ethischen Verfall und ihrem zügellosen Streben nach flüchtigem Genuss andererseits. Im Okzident hätte ein Mensch 400 Jahre leben müssen, um zwei derart unterschiedliche Epochen mitzuerleben, ein Chinese dagegen hat all dies innerhalb von 40 Jahren durchgemacht. Die Zusammendrängung der Umwälzungen (...) auf einen Zeitraum von lediglich vier Jahrzehnten stellt durchaus eine wertvolle Erfahrung dar.“

Diesen von vielen als traumatisch empfundenen Umbruch zu steuern und – so das erklärte Staatsziel – „Harmonie“ in der Gesellschaft zu schaffen, das muss eine Herkulesaufgabe für jede Regierung sein. Wir im Westen sind geneigt, für die Lösung dieser Aufgabe die Mitbestimmung möglichst breiter Bevölkerungskreise im Sinne unserer freiheitlichen Demokratie zu empfehlen. Dabei wird übersehen, dass eine funktionierende Demokratie das Engagement von Menschen voraussetzt, die durch ihre Bildung und eine einigermaßen gesicherte Existenz zur Partizipation überhaupt in der Lage sind. An beidem mangelt es einem beträchtlichen Teil der chinesischen Bevölkerung, trotz aller ökonomischen Fortschritte.

Auch wenn chinesische Politiker wie der Staatspräsident bei einem Amerika-Besuch 2006 versichern, man sei überzeugt, „ohne Demokratisierung gebe es keine Modernisierung“, fehlt eine solche Partizipation bis heute. Wenn die zentralistische Machtstruktur immer wieder kritisiert wird, berücksichtigen die Kritiker allerdings häufig nicht den quantitativen Aspekt: Ein riesiges Land mit einem Fünftel der Weltbevölkerung funktioniert nun einmal nicht wie ein kleines westeuropäisches Land. Nach Überzeugung der chinesischen Führung bedarf es der festen Hand, die das Land auf den rechten Weg bringt. Auffällig zurückhaltend in ihrer Kritik sind übrigens westliche Unternehmensvertreter in China, denen wegen ihrer wirtschaftlichen Interessen an „geordneten Verhältnissen“ und „Harmonie“ gelegen sein dürfte. (Dass die Verhältnisse so geordnet und harmonisch nicht sind, zeigen Berichte über lokale Auseinandersetzungen zwischen Bevölkerung und Obrigkeit, über die sich auch „etablierte“ Schriftsteller besorgt äußern.)

Ähnliches gilt für die Menschenrechtsproblematik. Scharfsinnige Köpfe in China, unter ihnen auch Schriftsteller, sehen die vorhandenen Defizite. Deshalb begrüßen sie den vom Westen angeregten Dialog mit China über solche Fragen, zum Beispiel im Rahmen des seit Jahren mit Unterbrechungen laufenden Rechtsstaat-Dialogs zwischen Deutschland und China. Leider gleiten solche Dialoge immer wieder in ein gereiztes Aneinander-Vorbeireden ab. Schuld daran trägt beileibe nicht allein die chinesische Seite. Oft erweist sich überhebliche Rechthaberei seitens der westlichen Dialogpartner als wenig hilfreich.

Das gilt auch für die Querelen im Zusammenhang mit dem Gastlandauftritt Chinas in Frankfurt. Missionarischer Übereifer, gepaart mit einem Mangel an elementarem diplomatischen Geschick, führt nur zu einer Verhärtung der Fronten. Sowohl die auf rasche Weltverbesserung drängenden ungeduldigen Deutschen als auch die oft überempfindlich reagierenden Chinesen sollten versuchen, einander zuzuhören, statt sich jeweils als Inhaber der reinen Wahrheit zu gerieren. Es muss alarmieren, dass chinesische Intellektuelle, die demokratischem Denken zugeneigt sind, im Zorn über die von ihnen als ungerecht und kränkend empfundene Besserwisserei westlicher Demokratie-Fundamentalisten – die oft genug im Glashaus sitzen – in unguten Nationalismus abgleiten.

Buchmesse hin oder her: Wie wäre es, wenn wir Deutschen erst einmal lesen, was die chinesischen Schriftsteller uns mitzuteilen haben? Ebenso kann man die Chinesen nur ermutigen, die bei ihnen gut vertretene deutsche Literatur, einschließlich der geisteswissenschaftlichen von Marx bis Habermas, weiter zur Kenntnis zu nehmen.

Die Buchmesse ist nicht „unpolitisch“. Wie könnte sie das sein? Sie ist aber auch keine UN-Vollversammlung, in der Politiker Grundsatzerklärungen abgeben. Daher wäre es auch ein Irrtum, wenn ein Gastland versuchen würde, die Buchmesse zu einem Instrument seiner Außenpolitik – oder gar seiner Innenpolitik – umzufunktionieren. Die Messe sollte ein Ort der Begegnung bleiben und nicht zu einem Forum der bloßen Selbstverständigung ihrer Teilnehmer werden.

Der Autor, Jahrgang 1939, ist Sinologe. Nach etlichen Jahren an der Humboldt-Universität lehrt er nun an der Universität Mainz. Als Übersetzer hat er unter anderem Yan Lianke und Yu Hua ins Deutsche gebracht. In den sechziger und siebziger Jahren arbeitete er als Dolmetscher und Übersetzer der DDR-Botschaft und der Handelsvertretung in Peking.

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