Kultur : Literatur ist Müll

Thomas Wohlfahrt

In Minsk erzählt man sich folgenden Witz: "Geht ein Belorusse auf der Straße. Da fällt ihm ein Blumentopf auf den Kopf. Er kratzt sich und sagt: Mein Gott, was wäre geschehen, wenn hier jetzt ein Mensch entlang gekommen wäre?" Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko hat wieder einmal gezeigt, wer der Herr im Hause ist. Im April bemächtigte er sich aller Zeitschriften des "Verbands der belorussischen Schriftsteller", indem er Sergej Kostjan, einen treuen Gefolgsmann, zum Chef einer Holding erklärte, der alle Literaturzeitschriften fortan unterstehen. Die bislang unabhängigen Redaktionen von "Polymja" und "Krynitza", die vor allem neue belorussische Literatur, literaturwissenschaftliche Beiträge und Kritiken, aber auch Texte von jungen Autoren veröffentlichen, dürfen nun als gleichgeschaltet betrachtet werden.

Auch die dem Schriftstellerverband gehörende russischsprachige Literaturzeitschrift "Njemen" untersteht jetzt dem dem neuen Chef. Gleich am 18. April hatte er in der belorussischen Unternehmerzeitschrift "Beloruskaja Delowaja Gaseta" erklärt, wohin der Weg nun gehe und in seiner ersten Äußerung den im deutschen Exil lebenden bekanntesten Autor der weißrussischen Literatur, Vasil Bykov, diffamiert. "Genauso wie Solschenizyn, nachdem er sich in Europa abgequält hatte, zu Mütterchen Russland zurückehrte, wird auch Bykov heimkehren: Dort braucht ihn niemand, und hier hat er sein Ansehen verloren. Man will ihn nicht mehr lesen, auch in der Schule nicht mehr."

Das Vorgehen hat Methode: Lukaschenko unterdrückt die weißrussische Sprache, will die Wiedervereinigung mit Russland und dann Präsident von Großrussland werden. Das zunehmende Beharren der weißrussischen Intellektuellen auf Unabhängigkeit ihres gerade erst gegründeten Staates, auf ihrer eigenen Sprache und Geschichte ist ihm dabei ein Hindernis. Der Präsident hatte verkündet, dass es nur zwei Sprachen auf der Welt gebe, die es wert seien, gesprochen zu werden: Englisch und Russisch. Es häufen sich wie im Fall der Regisseure Valeri Masynskij oder Juri Chatschowatski ("Ein gewöhnlicher Präsident") Überfälle auf demokratisch gesinnte Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler.

Seit diesem Jahr ist das Prüfungsfach "Belorussische Literatur" an den Schulen abgeschafft. Bereits 1997 wurde dem belorussischen Schriftstellerverband das eigene Haus weggenommen; ein Haus, in dem neben Begegnungen und Veranstaltungen auch mit dem schriftstellerischen Nachwuchs gearbeitet wurde. Auch die Finanzierung der Zeitschrift "Literatura i Mastatztwa" ("Literatur und Kunst") werde nur dann weitergeführt, wenn der Schriftstellerverband auf seine inhaltliche Hoheit verzichte. Olga Ipatova, die auch in Deutschland bekannte Autorin und Vorsitzende des belorussischen Schriftstellerverbandes, bezeichnete diesen neuen Akt staatlicher Gewalt gemeinsam mit vielen ihrer Kollegen als zynisch und protestiert entschieden gegen die "antinationale Politik der Machtorgane von Belorus": "Ich weiß", sagt sie, "dass ich in diesen Zeitschriften nicht mehr veröffentlicht werde. Es ist so, als sei dem Schriftstellerverband ins Gesicht gespuckt worden."

Der tapferen Frau war es in ihrer einjährigen Präsidentschaft durch Verhandlungen mit den Mächtigen zwar gelungen, dass Schriftsteller in Dörfern und Städten Weißrusslands wieder öffentlich auftreten durften; in dem aber, was jetzt geschenen sei, sagt sie, werde "die geistige Stütze des belorussischen Volkes - seine Literatur - vernichtet, weil der Kontakt mit dem Leser verloren geht". Immerhin haben die Literaturzeitschriften eine Auflage von 2000 bis 5000 Exemplaren bei einer Einwohnerzahl von zehn Millionen.

Auch Olga Ipatova ist bereits überfallen und beinahe in einen Fluß geworfen worden. In Minsk werden durch die neuerlichen Ereignisse staatlicher Willkür wieder ein paar Belorussen mehr begriffen haben, dass sie die Menschen sind, denen die Blumentöpfe auf die Köpfe fallen.

Der Autor leitet die Literaturwerkstatt Berlin.

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