Literatur : Joachim Meyerhoff und des Pudels Zunge

Er ist auf der Bühne wie am Schreibtisch ein Stürmer und Dränger. "Alle Toten fliegen hoch – Amerika": Der Schauspieler Joachim Meyerhoff und sein Erinnerungsbuch, das er am Samstag im Gorki-Theater vorstellt.

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Aus dem Leben eines Hanswurst. Joachim Meyerhoff fabuliert von der Vergangenheit.
Aus dem Leben eines Hanswurst. Joachim Meyerhoff fabuliert von der Vergangenheit.Foto: Reinhard Werner

Da sitzt einer auf der Bühne und erzählt Geschichten. Von seinem Austauschjahr in Amerika, dem Aufwachsen als Sohn eines Psychiatriedirektors, von den schrulligen Großeltern, den Anfängen als Schauspieler. Blättert ein Familienalbum auf, reiht Anekdoten und Erinnerungen. Das ist alles. Und es ist viel. Der Schauspieler Joachim Meyerhoff hat mit seiner Soloreihe „Alle Toten fliegen hoch“, die über Jahre an der Wiener Burg entstanden ist, dem Theater ein Stück lebenslustige und todernste Erzählkraft zurückgeschenkt.

Auf sechs Teile ist die Serie angewachsen, und an jedem Abend hat Meyerhoff einen Stapel Papier auf den Knien, während in Vitrinen die Memorabilien seiner Biografie kreisen. Zum Beispiel der Pullover seines Bruders. Der hatte von den Eltern fünfhundert Mark bekommen, um sich fürs Medizinstudium einzukleiden, und kehrte zurück mit einem einzigen Strickpulli italienischer Fabrikation – 540 Mark. Und starb kurz darauf bei einem Autounfall. Was Meyerhoff auszeichnet, ist dieser liebevolle Blick, der die Nähe von Absurdem und Tragischem fasst.

Meyerhoff ist auf der Bühne wie am Schreibtisch, ein Stürmer und Dränger, der merkt, dass „in jedem Absatz noch eine Abzweigung steckt“. Also hat er sich seine gesammelten Notizen vorgenommen und den ersten Teil zum Roman „Alle Toten fliegen hoch – Amerika“ vergrößert. Morgen stellt er das Buch am Gorki-Theater vor, wo auch, jeweils im Zweierpack, alle sechs „Toten“-Folgen als Gastspiel zu sehen sind.

Meyerhoff setzt mit frühesten Kindheitserlebnissen ein – wie er mit anderthalb Jahren vor eine Glasschiebetür knallte – was natürlich die Frage aufwirft: ist das wahr, ist das im Gedächtnis? Dabei hat er immer wieder betont, dass er nicht trennen könne zwischen der verbürgten Wahrheit hier und der Lust am Erfinden dort. Die Fiktion schafft Freiheit über die eigene Vergangenheit, und gleichzeitig bringt ihm das Füllen von Erinnerungslücken auch Vergessenes zurück. Wer weiß schon, wie es wirklich war?

Im Mittelpunkt der Erzählung, die lustvoll mäandert, aber nie abschweift, steht der Aufbruch des jungen Austauschschülers Meyerhoff nach Amerika, in die Einöde Wyomings, wo er sich als Basketballspieler beweisen will. Es ist auch ein ironisches Spiel mit dem Entwicklungsroman, das der Autor da betreibt. „Wie gerne wäre ich in diese Landschaft hineingewandert. Mit einem Stock über der Schulter, an dem ein kleines Bündel hängt“, heißt es einmal. Bloß befindet er sich da nicht in Eichendorffschen Idyllen, sondern er tritt, auf der Fahrt zum Flughafen, im Wäldchen einer Autobahnraststätte aus, neben Taschentüchern und „unterschiedlich stark verwitterten Exkrementen“.

Beschönigungen in der Rückschau sind Meyerhoffs Sache nicht, und das gilt vor allem für ihn selbst. Die peinlichen und beschämenden Momente, aus denen ein Leben ja in großer Zahl besteht, umarmt er mit berückender Selbstironie und gewinnt als Hanswurst leuchtende Größe. Egal, ob er in der ersten Amerika-Nacht mit Nasenbluten vorm Bett der Gasteltern steht und sich radebrechend mit dem Satz zu erklären versucht „I have a problem called blood“ oder ob er an der High School beim Date den Fauxpas begeht, sich vom Mädchen mit dem Auto abholen zu lassen und auch noch getrennte Rechnungen vorschlägt. Der wunderbar warme Humor, der seine Vorträge durchzieht, er bleibt auch zwischen Buchdeckeln lebendig.

Und ebenso ist das Traurige präsent, der nachschmerzende Verlust. Nichts anderes sind Meyerhoffs Erinnerungsabende ja im Herzen als eine Beschwörung der Verstorbenen, ein Tischerücken, das die Toten wieder herholt, überschrieben mit dem Satz: „Es gäbe noch so unendlich viel zu erzählen.“ Mitten in die Austauschzeit fällt der Unfall des Bruders, und mit welcher pathosfreien Erschütterung Meyerhoff das Unfassliche schildert, schon allein das macht den Roman unbedingt lesenswert:. „So saß ich da, mit meinen schwarz angezogenen Gasteltern auf einem Wasserbett in Laramie, und der Pudel leckte meine Socken ab, bis ich die Nässe zwischen den Zehen spürte.“

Buchpremiere mit Joachim Meyerhoff am Samstag, 2. April, 20.15 Uhr im Gorki Theater Studio. Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch – Amerika. Kiepenheuer & Witsch, 319 Seiten, 18.95 €.

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