Kultur : Literatur: Kein Wort, niemals

Jörg Plath

Ein Leisetreter ist Joshua Sobol nicht gerade, und so überrascht es ein wenig, dass der erste Roman des israelischen Dramatikers den Titel "Schweigen" trägt. Schließlich wurde Sobol in den achtziger Jahren weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus mit Stücken bekannt, in denen er israelische Tabuthemen auf provokative Weise aufgriff: "Ghetto" brachte die jüdische Kollaboration mit den Nazis auf die Bühne, "Weiningers Nacht" handelte vom Hass des österreichischen Juden Weininger auf Juden, Frauen und sich selbst und führte nach der Uraufführung zu einer turbulenten Diskussion in der Knesset.

Damit verglichen wirkt "Schweigen" in verschiedener Hinsicht wie ein stilles Buch. Es ist der Monolog eines Achtzigjährigen, der Zeit seines Lebens aus freien Stücken geschwiegen hat. Acht Tage nach seiner Geburt starrte er auf das Messer des Schächters, der ihn beschneiden wollte, als der Schriftsteller des Dorfes in den Raum trat und den deutschen Angriff auf Polen verkündete. Plötzlich sei, erinnert sich der alte Mann, in seinem eben noch leeren Bewusstsein die Sprache vorhanden gewesen: Die Katastrophe, die dem jüdischen Volk droht, und die Sprache gehören zusammen. Der acht Tage alte Säugling beschließt, von der Sprache keinen Gebrauch zu machen und schweigt fortan.

Mit dieser souveränen Entscheidung finden sich die Eltern erst nach einer Odyssee durch Arztpraxen ab. Sie bemerken nicht, dass ihr Junge zwei Mal in seinem Leben dann doch etwas sagt: einmal zu einem Kater, ein andermal zu einem geistig verwirrten Kind. Beide bezahlen es mit dem Leben. Erschüttert denkt der Junge "über die Verkettung der Ereignisse nach, die ich nicht ausgelöst hatte und vielleicht auch nicht beenden würde, an der ich aber dennoch beteiligt gewesen war." Schweigen ist eine KaDistanzierungstechnik in Katastrophen - letztlich zwar hilflos, jedoch das einzige, was das Individuum zur Geschichte beizutragen vermag. Unverkennbar ist die ohnmächtige Selbstbescheidung, die zu Sobols dramatischen Meinungsäußerungen in krassem Gegensatz steht, eine Metapher für die verfahrene Lage des gegenwärtigen Israel.

Das verbotene Dorf

Vor diesem Hintergrund lässt Sobol eine skurrile Familien- und Dorfgeschichte spielen, wie sie in der israelischen Literatur, bei Meir Shalev oder wunderbarer noch bei David Grossmann, beliebt sind. Sobols aufmerksamer Erzähler porträtiert die aus Osteuropa eingewanderten, meist schrulligen Familienmitglieder voll anekdotischer Hingabe. Auch die übrigen Bewohner des jüdischen Dorfes in dem unter englischer Verwaltung stehenden Palästina erhalten ihren liebevoll geschilderten Auftritt - die neuen Schüler, die merkwürdigerweise Jiddisch, die Sprache der Erwachsenen, miteinander sprechen, der unter dem Klima leidende Schriftsteller, der erotoman und schwitzend durch das Dorf streicht.

Weil dieser Autor bald an der Schüttelkrankheit erkrankt, diktiert er dem schweigsamen Zehnjährigen seinen Roman "Das verbotene Dorf". Ihn schreibt der einstige Sekretär mit achtzig Jahren in "Schweigen" fort, indem er den Personen seiner Kindheit und Jugend in aller Kürze ihr Schicksal nachträgt. Einige verschwinden, die meisten aber verlassen wie die von ihm angebetete schöne Noga voller Hoffnung das Dorf, um unheilbar krank oder desillusioniert zurückzukehren und zu sterben.

Joshua Sobol erzählt beinahe ausschließlich von den vierziger und fünfziger Jahren, als Juden in großer Zahl nach Palästina einwanderten und den Staat Israel gründeten. Beides ist unaufdringlich präsent, wenn der Stumme auf einer Schulveranstaltung zu Ehren von Überlebenden des Holocaust vor das Rednerpult tritt und wie erwartet schweigt. Ein eindringlicher Abschluss der Zeremonie, lobt die Schulleiterin. Die Kindheit ist das Hauptthema des Romans. Auf wenige frühe Erlebnisse kommt der Greis mit Hilfe überraschender Analogien immer wieder, zuweilen leicht variiert zurück. Nicht alle Szenen vertragen diese Wiederholungen so gut wie jene, in der ein Kater eine Echse vertilgt und der Junge ungerührt zuschaut.

Oft allerdings wirken die Wiederholungen unmotiviert, zumal vom Erwachsenen und Greis kaum etwas zu erfahren ist. Er wird ein experimenteller Dichter, entwickelt eine eigene Notation für die Sprache der Vögel und findet zu seiner eigenen Überraschung die Liebe einiger Frauen, die seine Schweigsamkeit schätzen. Aber in diesen Skizzen eines Lebens auf Dichter- und Linguistenkongressen wird der Erzähler nicht greifbar.

Offenbar hat Sobol an der Entscheidung zum Schweigen nur die Metapher für die jüdische Katastrophe, nicht aber die Bedeutung für das Individuum gereizt. Und dass er ihn als Achtzigjährigen im Jahr 2019 an den Schreibtisch setzt, mutet wie ein überflüssiger Kunstgriff an, weil aus den letzten beiden Jahrzehnten gar nichts und aus denen davor beinahe nur die deprimierenden Umstände mitgeteilt werden, unter denen Mutter und Vater sterben.

"Schweigen" grundiert die Nostalgie des optimistischen Anfangs mit einem Katastrophenbewusstsein, das bereits mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, nicht erst mit der Shoah einsetzt. Diese Akzentverschiebung lässt den Roman über das Sterben der zionistischen Gründergeneration, über die Kindheit des Staates Israel und die des Erzählers wie eine Stellungnahme zur Gegenwart wirken: Die alten Geschichten sind zu Ende erzählt. Eine neue fällt auch Sobol nicht ein.

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