Kultur : Literatur-Lexikon

Stefanie Müller-Frank

Schülergekritzel oder freies Assoziieren einer surrealistischen Künstlergruppe? So oder so könnte man meinen, wäre da nicht der markante Pinselstrich von Günter Grass zu erkennen, dessen Tintenschrift mehr auf das Blatt gemalt als geschrieben scheint. Zu Silvester 1962/63 begann der Autor damit, Spracheinfälle auf große Blätter zu notieren, die ihm zu den zentralen Motiven seines Romanes spontan in den Kopf kamen. Derartige Wortrecherchen, wie hier zum Titel seines 1963 erschienenen Romans „Hundejahre“, bieten Lesern einen erheiternden Einblick in die Werkstatt des glernten Grafikers und Nobelpreisträgers. Aus 70000 Manuskriptblättern und rund 100000 Briefseiten, die im Archiv der Berliner Akademie der Künste lagern, wählte Karin Kiwus ungefähr 400 Stücke für die Ausstellung „Fundsachen für Grass-Leser“ aus - gedacht als Geschenk der Akademie zum 75. Geburtstag ihres einstigen Präsidenten. Manuskripte, Fotografien, Aquarelle, Arbeitspläne, außerdem Tagebuchseiten und persönliche Korrespondenz verhelfen dazu, der Entstehungsgeschichte eines Werkes nachzuspüren, das in drei Archiven gesammelt, geordnet und beschriftet wird. Nicht zu beneiden, wer das mal alles abstauben muss. (Akademie der Künste, Hanseatenweg 10 in Tiergarten, Mo 14-20, Di-So 11-20, bis 20. November; am 29. Oktober, 20 Uhr, liest Günter Grass aus seiner Novelle „Im Krebsgang“).

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