Literatur : Mafia: Deutschland als Paradies des Teufels

Francesco Forgione, Petra Reski, Roberto Saviano und Jürgen Roth haben neue Bücher über die Mafia geschrieben.

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Die Handschelle. Festnahme eines Mafioso der ’Ndrangheta 2008 in Mailand. Das Bild stammt aus dem eindrucksvollen Band des Fotografen Alberto Giuilani „Malacarne. Leben mit der Mafia“ (mit Texten u. a. von Roberto Saviano und Rita Borsellino), kürzlich erschienen im Edel Verlag (Hamburg 2010. 153 Seiten, mit 2 CDs, 30 €).Foto: Alberto Giuliani/Edel Verlag
Die Handschelle. Festnahme eines Mafioso der ’Ndrangheta 2008 in Mailand. Das Bild stammt aus dem eindrucksvollen Band des...

Wer im Zentrum von Neapel die elegante Buchhandlung Feltrinelli betritt, stößt sofort auf Regalwände mit nichts als Mafia-Literatur. Allen voran steht dort natürlich der neue neapolitanische Weltautor Roberto Saviano: nicht nur mit seinen Büchern oder der Film-Kassette von „Gomorrha“, auch mit zahlreichen DVDs, die seine meist nächtlichen Auftritte und Ansprachen in autonomen, nicht vom Berlusconi-Mainstream beherrschten Fernsehkanälen dokumentieren. Man ist als Ausländer überrascht, wie offensiv und selbstverständlich Italiens wichtigste Buchhandelskette das Thema offeriert, bei dessen Erwähnung jedes Gespräch in einem Café oder Restaurant noch immer auf einen deutlich leiseren, diskreteren Tonfall gedimmt wird.

Das berührt einen empfindlichen Punkt. Die Mafia ist „Kult“, und die Mafiosi, darauf hatte Saviano schon in seinem „Gomorrha“-Buch hingewiesen, schmücken sich in ihrer Eitelkeit mit den Posen und Abbildern etwa aus Filmen wie „Der Pate“ und „Scarface“. Aber sie wollen damit auch zum Mythos, zur dämonischen Legende entrückt werden, um in dem Zwischenreich aus Faszination und Grauen umso ungestörter ihren realen Geschäften nachgehen zu können. Deshalb sind konkrete, Fakten und Namen nennende Darstellungen gefragt, in denen die Magie des Mords entzaubert und ins Netzwerk jenes organisierten Verbrechens geschnitten wird, das aus süditalienischen Dörfern und Städten längst ins globale Business ausgegriffen hat.

Das beharrliche Nennen von Namen und Orten hat Roberto Saviano zum heute berühmtesten und bedrohtesten Autor gemacht. Doch auch die jüngst im römischen Verlag Laterza erschienene, ins Deutsche noch nicht übersetzte „Storia della Camorra“ („Geschichte der Camorra“) des neapolitanischen Historikers Francesco Barbagallo verzeichnet auf einem Plan von Neapel und auf Karten der umgebenden Region Kampanien die Namen der dort von Stadtteil zu Stadtteil und Ort zu Ort regierenden Mafia- Clans. Noch weiter geht der kalabrische Ex-Politiker und Soziologe Francesco Forgione, der in seiner jetzt auch auf Deutsch erschienenen Untersuchung „Mafia Export“ eindrucksvoll darstellt, „Wie ’Ndrangheta, Cosa Nostra und Camorra die Welt erobern“ (so der Untertitel). Hierzu gibt es auf mehrfarbigen Ausklapptafeln gleich eine Topografie der global krakenhaften Mafia-Aktivitäten.

Allein die entsprechende Deutschlandkarte nennt 18 Städte, von Berlin bis Freiburg, von Hamburg bis Hof, von Mainz bis Chemnitz, von Dortmund bis Dresden: mit den zugehörigen Namen der dort aktiven Verbrecher-Clans. Dabei beschränkt sich die mit Polizeihilfe erstellte Grafik auf die neapolitanische Camorra und die sizilianische Cosa Nostra, während die kalabrische ’Ndrangheta, die durch ihr Massaker mit sechs Toten 2007 in einer Pizzeria in Duisburg Aufsehen erregte, nur im Text vorkommt.

Wer mit seinen Quellen in Kolumbien, Afghanistan und Südostasien den Drogenhandel in Europa, den USA und Australien beherrscht, wer weltweit nicht nur Prostitution, Glücksspiel, Waffenhandel, Markenfälschung und Giftmüllverschiebung betreibt, sondern unvorstellbare Schwarzgeldsummen formal legal in Aktienunternehmen, Hedgefonds und Banken investiert und dazu politische Korruption auf allen Ebenen befördert, der möchte möglichst wenig öffentliches Aufsehen erregen. Nur wenn es zur Bestrafung oder Einschüchterung unumgänglich erscheint, gehören die berüchtigten Straßenmorde weiterhin zum Handwerk der Mafia.

Deshalb war es für die ’Ndrangheta, die in den letzten drei Jahrzehnten zur wirtschaftsmächtigsten italienischen Mafia-Organisation aufgestiegen ist, sehr von Vorteil, dass das Verbrechen von Duisburg in Deutschland erst mal nur als archaische Blutrache und Privatfehde irgendwelcher Dorfclans aus einem fernen kalabrischen Nest namens San Luca abgetan wurde.

Was wirklich ausgeht von diesem Dorf San Luca, in dem als Markenzeichen selbst die öffentlichen Papierkörbe von MP-Salven durchsiebt sind, das berichten neben Forgione auch die führenden deutschen Mafia-Experten Petra Reski und Jürgen Roth. In San Luca und den Bergen der Umgebung sitzen die Spinnen eines internationalem Netzwerks, und von den 100 bis 150 Milliarden Dollar Umsatz, die Italiens Mafia-Organisationen pro Jahr nach Schätzungen machen, entfallen mindestens 45 Milliarden auf die kalabrische ’Ndrangheta. Deren jüngstes Großprojekt ist die in Italien offen beraunte Federführung bei den milliardenteuren Bauten für die Expo 2015 in Mailand.

Was das verstärkte Engagement der Kalabresen in Deutschland angeht, meldete die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ Anfang Oktober auf ihrer ersten Seite einen „geheimen Bericht“ des Bundeskriminalamts, „der dieser Zeitung vorliegt“. Der Bericht stammt freilich vom November 2008 und wurde unter anderem schon von Jürgen Roth 2009 in seinem Bestseller „Mafialand Deutschland“ ausgewertet (jetzt in einer aktualisierten Taschenbuchausgabe zu lesen). Die mehrere hundert Seiten dicke BKA-Analyse ist wegen ihrer unverminderten Brisanz – und hintergründigen Duisburg-Bilanz – auch Petra Reskis stärkstes Pfund in ihrem neuen Buch „Von Kamen nach Corleone“.

Laut Reski spricht der kriminalpolitisch offenbar folgenlos gebliebene interne BKA-Bericht von 229 Clans und rund 900 Personen, die in Deutschland als Mitglieder allein der kalabrischen Mafia tätig sind. Ein von Petra Reski zitierter italienischer Staatsanwalt geht von „mindestens dreihundert Restaurants aus, die von der ’Ndrangheta in Deutschland betrieben werden“. Diese auf den ersten Blick harmlosen Pizzerien bilden unauffällige Treffpunkte, in ihren Hinterzimmern, Kellern und Kühlräumen lassen sich Menschen, Waffen und Drogen verstecken, und mittels fingierter oder überteuerter Rechnungen für angebliche gastronomische Leistungen werden im Zusammenspiel mit gleichfalls mafiösen Zulieferern kriminelle Gelder gewaschen und scheinbar legal verbucht. Manchmal sind es auch sogenannte „Nobelitaliener“, die der Anbahnung von Kontakten mit deutschen Honoratioren dienen – so hinterließ in den 90er Jahren der heutige EU-Kommissar Günther Oettinger wegen seines italienischen Lieblingslokals nahe Stuttgart und der später eingestellten freundschaftlichen Beziehung zu dessen Chef zumindest ein „Geschmäckle“ im Dunstkreis schwäbischer Politik und polizeilicher Ermittlungen.

Bei dem in das Duisburger Blutbad verwickelten, später auf der Flucht verhafteten Chef des Pelle-Romeo-Clans aus San Luca wurden laut Petra Reski 150 Millionen Euro beschlagnahmt, ein „bescheidener Teil seines Vermögens“. Der Clan soll allein in Deutschland 61 Restaurants besitzen. Besonders stark ist nach übereinstimmenden Berichten die gesamte italienische Mafia nebst osteuropäischen Konkurrenten und Partnern seit 1990 in Ostdeutschland im Baugeschäft engagiert und, wie überall, auch in Drogenhandel, Geldwäsche, Gastronomie und Prostitution. Darauf hatte bereits Roberto Saviano in „Gomorrha“ und 2008 im Gespräch mit dem Tagesspiegel nachdrücklich hingewiesen.

Petra Reskis „Von Kamen nach Corleone“ trägt den Untertitel „Die Mafia in Deutschland“. Das ist freilich eine Irreführung. Denn eigentlich schreibt die in Venedig lebende Autorin über eine Autofahrt im offenbar gesponsorten und penetrant oft erwähnten (und so beworbenen) Alfa-Spider-Cabrio, die von ihren nordrhein-westfälischen Kindheitsstätten bis nach Sizilien führt. Dieser zum Teil nur privat-belanglose Reisebericht wird freilich immer wieder verbunden mit Orten, Menschen und Themen der Mafia und der aktuellen Mafia-Bekämpfung. Daraus ergeben sich eindringliche Porträts von mutigen italienischen Fahndern, von der resoluten, durch keine Drohung und kein Machogehabe einzuschüchternden Reporterin Rosaria Capacchionne oder vom prominenten Mafia-Aussteiger und Kronzeugen Massimo Ciancimino. Als Sohn eines allmächtigen früheren Bürgermeisters von Palermo plaudert er aus dem mit Blut und Geld geschmierten Innenleben und zielt mit seinen demnächst auch in Deutschland als Buch vorliegenden Enthüllungen auf das politische Establishment („Don Vito. Mein Vater, der Pate von Palermo“).

Enttäuschender ist, wie eitel Reski immer wieder ihre eigene Courage und Kompetenz betonen muss und wie viele stilistisch schiefe Bilder, inhaltliche Unschärfen und von keinem Lektorat verhinderte Fehler ihr unterlaufen (nur ein Beispiel: um nicht immer von „mutmaßlichen“, weil noch nicht verurteilten Killern zu sprechen wechselt sie zu „verdächtigen Mördern“, gemeint sind aber: Mordverdächtige). Auch fehlen oft Quellen und Belege, vor allem ein Verzeichnis der einschlägigen italienischen Dokumentationen, Websites und Literatur.

Da ist Jürgen Roths „Mafialand Deutschland“ weitaus akribischer, und Roths neuestes Buch „Gangsterwirtschaft – Wie die organisierte Kriminalität Deutschland aufkauft“ wird einmal mehr von Hunderten von Fußnoten und Belegen gestützt. Roth macht nicht nur die Kripo-Schätzung plausibel, dass 2009 etwa 40 Milliarden Euro aus kriminellen Geschäften in die deutsche Wirtschaft eingespeist wurden; Roth zitiert einen Bericht des in Wien ansässigen UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung, dass nach dem Zusammenbruch der Lehman Bank als Spritze für die internationale Finanzwirtschaft etwa 352 Milliarden Dollar aus den Einkünften des global operierenden organisierten Verbrechens reingewaschen wurden. Das ist, neben vielen anderen Informationen, ein in der breiteren Öffentlichkeit noch kaum diskutierter Aspekt der Finanzkrise.

„Die Schönheit und die Hölle“, das neue Buch von Roberto Saviano, sammelt neben einigen Aufsätzen zum Thema Mafia vor allem eindrucksvolle Porträts, etwa vom Fußballkünstler Lionel Messi oder von der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja. Mit am schönsten: die Geschichte zweier italienischer Polizisten, die Amateurweltmeister im Boxen sind – das Anti-Bild zu den Machos der Mafia, denn sie kämpfen „Mann gegen Mann, von Angesicht zu Angesicht“.

Ehemalige Mafia-Bräute und Kleingangster wie Giuseppina Vitale, Marisa Merico und Marco Bettini packen infolge des italienischen Kronzeugenprogramms jetzt auch auf deutschen Büchertischen aus. Daraus folgt meist nicht viel mehr als eine kalkulierte Selbstdarstellung. Interessanter für deutsche Leser sind die von Reski, Roth und Forgione gleichermaßen belegten Vorwürfe gegenüber der deutschen Politik und Justiz: Man habe sich inzwischen fast ausschließlich auf die Terrorabwehr konzentriert und schaffe keine ausreichenden gesetzlichen, prozessualen und kriminaltechnischen Voraussetzungen für den Kampf gegen das organisierte Verbrechen. Deutschland sei so zum neuen Paradies der Mafia geworden. Tatsächlich wird hierzulande millionenschwere Wirtschaftskriminalität noch immer milder geahndet als jeder kleine Bankraub.

Am kommenden Donnerstag liest Roberto Saviano in der Berliner Volksbühne aus seinem neuen Buch (Rosa-Luxemburg- Platz, 20 Uhr).

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