Literatur : Margaux Fragoso: Der Teufel in mir

Margaux Fragoso war Opfer eines Pädophilen. Im Roman "Tiger, Tiger" erzählt sie davon. Es ist ein Balanceakt auf dem schmalen Grat zwischen Verständnis und Neugier, Eifersucht und Wut.

Nicole Henneberg

Dies ist ein verstörendes, schmerzhaft aufrichtiges Buch, denn es erzählt aus der Innenperspektive von einem der widerwärtigsten Verbrechen, die es gibt: dem Kindesmissbrauch. Margaux Fragoso war sieben, als sie den 51-jährigen Peter Curran im Schwimmbad einer amerikanischen Kleinstadt kennenlernte. Sie war es, die auf ihn zuging, weil sie beobachtete, wie ausgelassen er mit zwei Jungen spielte. Das Strahlen auf den Gesichtern der Kinder und die liebevollen Gesten des Erwachsenen zogen sie an – beides traf genau die Sehnsuchtspunkte ihres Lebens. Eine fatale Begegnung, denn Peter erschien ihr als eine Art Wunder: Er wirkte nicht älter als sie selbst, ein ausgelassener Peter Pan, ganz ohne den inneren Abstand, den Erwachsene Kindern gegenüber normalerweise haben.

„A Memoir“ lautet der Untertitel im Original, und die Autorin schreibt im Prolog, sie habe ihre Lebensgeschichte aufgezeichnet in der Hoffnung, dem Zerstörerischen darin einen Sinn zu geben und die Kette der Gewalt, die ihre Familie seit Generationen beherrschte, aufzubrechen. Erzählendes Ich und Autorin sind also identisch, und sie beschreibt die quälende Arbeit an „Tiger, Tiger“, die sie Tag für Tag in die alte Gefühlslage zurück katapultierte.

Selbst wenn das Manuskript nur in einem Fach ihres Wandschranks lag, überfiel sie „um Punkt zwei Uhr nachmittags die Verzweiflung und erinnerte mich an das Geschehene, denn das war die Zeit, wenn Peter mich zu unserer täglichen Spazierfahrt abholte. Dieselbe Verzweiflung quält mich noch heute um fünf Uhr Nachmittags, dann, wenn ich ihm immer, den Kopf an seiner Brust, etwas vorlas. Um sieben Uhr abends, wenn er mich in den Arm nahm, und schließlich um neun Uhr, wenn wir zu unserer abendlichen Rundfahrt aufbrachen.“

Margaux Fragoso erzählt glaubhaft, geschickt und leicht von dieser tragischen Verstrickung, die sie als Kind vollkommen vereinnahmt und „neu programmiert“ hat, auch wenn die Sprache oft genormt und glattpoliert wirkt – ihr Creative-Writing-Studium hat hier leider unübersehbare Spuren hinterlassen. Inzwischen ist die Autorin über dreißig, hat die Universität abgeschlossen und lebt mit ihrer Familie in New Orleans, aber die Details jener Zauberwelt, die Peter mit seiner Fantasie für sie geschaffen hatte, nehmen sie noch heute gefangen: die Kaninchen und Leguane in seinem verwinkelten Haus, der Sternenhimmel in seinem Zimmer.

Er betete das achtjährige Mädchen als seine Erlöserin und Schutzheilige an und errichtete ihr einen Altar mit Fotos und Erinnerungsstücken. Wie in einem Versteck lebte sie in diesem Zimmer, und Peter überhöhte ihre Beziehung mit Hilfe von Büchern, in denen es um echte Liebe zwischen älterem Mann und jungem Mädchen geht, von Nabokovs „Lolita“ bis zu Marguerite Duras’ „Liebhaber“, nur unterbrochen von Pornofilmen, deren Darstellerinnen Margaux fast als „Freundinnen“ empfindet. Selbsttäuschung, Heimlichkeiten und Angst bestimmen ihr Leben, trotzdem, das ist der Skandal dieses Buches, behauptet sie noch heute, dort glücklich gewesen zu sein: „Hätte man uns unsere Lügen und unsere Geheimsprache, unsere Blicke, Symbole und Verstecke genommen, hätte man uns alles genommen. Und wäre mir das im Alter von zwanzig oder fünfzehn oder zwölf passiert, ich hätte mich vielleicht umgebracht.“

Sie war süchtig nach seinem Begehren, nach seiner grenzenlosen Verehrung und der Macht, die sie über ihn hatte und reagierte panisch auf jeden Liebesentzug. Der Kriegsinvalide Peter Curran, um dessen Selbstmord sie bis heute trauert, ist fast immer fröhlich, werkelt im Haus, versorgt die Tiere, erfüllt ihr alle Wünsche und ist vor allem verlässlich – lauter Dinge, nach denen sie sich in ihrer lieblosen Familie gesehnt hatte.

Noch nie wurde ein Pädophiler so menschlich und genau beschrieben, auch wenn die Erzählerin klagt, seine Psyche sei wie eine russische Puppe gewesen, wo sich im Bauch der nächst kleineren ein immer noch schlimmeres Geheimnis versteckte. Tagelang hört sie seine Beichten an, und diese erzählerische Gratwanderung gehört zu den eindringlichsten Passagen, weil sie bewusst alles psychologische Wissen ausblendet und ungeschützt auf dem schmalen Grat zwischen Verständnis und Neugier, Eifersucht und Wut balanciert.

Natürlich las die Autorin, bevor sie daran ging, ein Jahr nach Peters Tod seinen alten Wunsch zu erfüllen und ihr gemeinsames Leben zu schildern, viele psychologische Fachbücher und auch die alten Prozessakten über den Missbrauch seiner Töchter, von dem er erzählt hatte. Aber alle Klarheit darüber, wie er ihre Einsamkeit erst herstellt, um sie dann skrupellos auszunützen und wie er ihre psychisch kranke Mutter, die Zeugin dieser furchtbaren Beziehung, manipulierte (auch sie verbrachte ihre Tage in Peters Haus), löschen die qualvoll ambivalenten Gefühle nicht aus – davon zeugt noch das um Sachlichkeit ringende Nachwort.

Man versteht die tragische Folgerichtigkeit, mit der dies Verbrechen vor allen Augen geschehen konnte, und warum das Kind in dieser Beziehung, die wie eine Heroinsucht funktionierte, gefangen war. Pädophile sind Meister der Täuschung – nirgends erfährt man mehr darüber als in diesem Roman.

Margaux Fragoso: Tiger, Tiger. Aus dem Amerikanischen von Andrea Fischer. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 2011. 341 S., 24,90 €.

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