Literatur : Milde mit Middelhoff

Arcandors Absturz: Hagen Seidel protokolliert den Niedergang von Karstadt und Quelle.

David C. Lerch

Auf den letzten Metern hätte man dem Campus Verlag ein wenig mehr Geduld gewünscht. Statt zu warten, bis Anfang September die Zukunft von Karstadt endgültig gesichert war, ging „Arcandors Absturz“ bereits im August in den Druck. Dabei fällt die Bilanz der größten deutschen Firmenpleite durchaus etwas anders aus, nachdem der neue Investor Nicolas Berggruen immerhin 25 000 Arbeitsplätze in den Warenhäusern gerettet hat. So blieb dem Journalist Hagen Seidel im Sommer wohl nichts anderes übrig, als den Ausgang im Karstadt-Poker vage anzudeuten. Zum Erscheinen seines Werkes sind die Aussagen des Autors bereits passé: Karstadt rüstet sich in diesen Tagen für den Neustart.

Doch trotz dieses Geburtsfehlers lohnt der Blick zurück in die jüngere Unternehmenshistorie, den Seidel überaus detailliert und akribisch zusammengetragen hat. Denn viele Probleme des Warenhauses haben die aktuelle Krise überdauert und viele Ideen von Berggruen haben auch andere Chefs bereits vergeblich versucht umzusetzen.

Zudem bleibt auch nach der jüngsten Wendung die Fallhöhe des Absturzes einzigartig. Denn hinter dem Papierstapel, mit dem am Vormittag des 9. Juni 2009 ein Bote die Arcandor-Zentrale durch den Hintereingang verlässt, um kurz darauf das Insolvenzgericht aufzusuchen, stecken namhafte Größen des westdeutschen Wirtschaftswunders. Karstadt und Quelle, dazu die vor Jahren eingekauften Konkurrenten Neckermann und Hertie – ein weit verzweigter Konzern, für den einst mehr als 100 000 Menschen arbeiteten. Den Niedergang dieses Imperiums will Seidel, so kündigt er zum Auftakt an, aus einer „lebhaften Innenansicht“ schildern. Dieses Versprechen erfüllt er auf den folgenden knapp 300 Seiten. Chronologisch beleuchtet er die markanten Etappen des Abstiegs, immer wieder unterbrochen von Porträts der wichtigsten Akteure. Von der Quelle-Erbin Madelaine Schickedanz bis schließlich zum Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg.

Zahlreiche Manager kommen – leider meist anonym – zu Wort, auch mit den ehemaligen Konzernbossen Wolfgang Urban und Thomas Middelhoff hat Seidel gesprochen. „Lauter nette Leute“, resümiert der Autor. „Lauter Unschuldige“ – aus ihrer Sicht. Bis heute seien die wenigsten bereit, die eigene Verantwortung ehrlich zu reflektieren.

Das gilt auch für Middelhoff, zwischen 2004 und 2009 erst Aufsichtsrats- dann Vorstandschef, den Öffentlichkeit und ehemalige Mitarbeiter längst zum Protagonisten der Pleite gekürt haben. Allein an ihm arbeitet sich Seidel auf knapp 40 Seiten ab und dafür gebührt ihm ein großes Lob. Denn es gelingt, die weit verbreitete Alleinschuldthese zu widerlegen und gleichzeitig den schlechten Ruf von „Mr. T.“ stichhaltig zu begründen.

Im Winter 2003 betritt Middelhoff zum ersten Mal die Bühne von Karstadt und Quelle. Frau Schickedanz hatte ihn zum Kaffee in die elterliche Villa nach Nürnberg geladen und der smarte Manager imponiert der Milliardärin auf Anhieb. Seit er für seinen alten Arbeitgeber Bertelsmann mit Kauf und Verkauf von AOL einen Rekordgewinn erzielte, gilt Middelhoff als Macher im Internet. Dieser Trumpf sticht auch bei Frau Schickedanz. Was für eine Ironie, dass das Versandhaus sechs Jahre später besonders an seinem darbenden Online-Geschäft zu- grunde gehen sollte.

Bis heute soll Middelhoff einen engen Draht zur Schickedanz pflegen, wenngleich ihr Erbe im Absturz von Arcandor weitgehend verloren ging. Doch das, urteilt Seidel, liege nur bedingt an Middelhoff. Als dieser im Sommer 2004 bei Karstadt anheuert, ist der Konzern „kaum noch überlebensfähig“. „Ohne Middelhoffs Rettungsaktionen und Schönrednereien hätte das Unternehmen das Jahr 2005 nicht überstanden“, schreibt Seidel. Aber es wurde nach dem Motto gerettet: Verhökern und verzögern. Der Konzern trennte sich von einigen Beteiligungen und von den Karstadt-Immobilien. Dazu verlängerte der neue Chef die kurzfristigen Kredite, indem er langfristige Versprechen abgab, die ihm ab 2007 kaum noch einer abnahm.

Dass Middelhoff nach seinem Scheitern fürstlich entlohnt wurde, vergisst Seidel nicht. Auch nicht, dass von ihm alleine Spesenrechnungen über 800 000 Euro im Jahr gefunden wurden. Doch das Prinzip Größenwahn hat Middelhoff bei Arcandor keinesfalls erfunden. Auch das zeigt der Autor anschaulich: Als der Konzern 2009 am Abgrund stand, forderten die Ex-Chefs Walter Deuss und Christoph Achenbach die Auszahlung ihrer noch offenen Rentenansprüche in Millionenhöhe. Middelhoff verzichtete darauf.

Hagen Seidel: Arcandors Absturz. Wie man einen Milliardenkonzern ruiniert. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010. 299 Seitem 24,90 Euro.

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