Literatur : Packt sie! - Ein Buch über die Ehre

Der Philosoph Kwame Anthony Appiah aus Princeton beschreibt die Ehre als Auslöser moralischer Revolutionen.

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Ungesunder Brauch. Der Adel verlor erst das Interesse am Duellieren, als auch das Bürgertum damit begann. Aus: Heinrich Laube, „Das Leben Heines“, illustriert von Wiener Künstlern, (o. J.).
Ungesunder Brauch. Der Adel verlor erst das Interesse am Duellieren, als auch das Bürgertum damit begann. Aus: Heinrich Laube,...Foto: akg-images

Bisher wurde die „Ehre“ vor allem als eine der Ursachen für die Verhaltensauffälligkeit junger Männer in den Problembezirken europäischer Großstädte betrachtet und weniger als Gegenstand der Philosophie. Wütende junge Männer benennen die „Ehre“ als Grund für ihre Wütigkeit – Ehre vulgo „Respekt“, der ihnen nicht entgegengebracht werde. „Ehrenmorde“ lassen die Öffentlichkeit schaudern.

Es ist also kein Wunder, dass Ehre im modernen, „ehrlosen“ Westen als überkommenes Konzept gilt, das ein tolerantes Miteinander empfindlich zu stören vermag. Es ist uns lästig, wenn wir über das Hereindringen mittelmeerisch-muslimischer Kulturen wieder mit Problemen der Ehre behelligt werden. Archaische Ideen von Blutrache, mafiotischer Vergeltung und frauenunterdrückende Doppelmoral – das ist es, was wir mit „Ehre“ assoziieren, wenn wir ehrlich sind.

Nun will der Philosoph Kwame Anthony Appiah – 1954 in London geboren, aufgewachsen in Ghana, heute Professor in Princeton – den Begriff rehabilitieren und produktiv machen für moralische Revolutionen. Denn diese Revolutionen seien immer Revolutionen des Ehrgefühls. Das leuchtet ein bei Appiahs erstem großen Beispiel: dem Aussterben des Duells als Mittel letztmöglicher Konfliktlösung unter ehrenhaften Männern.

Obwohl die Argumente gegen das Duell als Möglichkeit, mit einem Mord ungeschoren davonzukommen, längst ausformuliert waren, fanden immer noch Duelle statt. Ein Gentleman hatte unter Beweis zu stellen, dass er bereit war, für seine Ehre zu sterben. Erst als sich die britische Massenpresse mit Duellen beschäftigte und die aristokratische Institution damit gewissermaßen zum gemeinen öffentlichen Spektakel machte, erst als auch Bürger die Praxis übernahmen, wurde sie den Aristokraten peinlich. Dem blutigen Ehrenhandel haftete bald etwas Lächerliches an.

So war es auch bei jenem Brauch, dem sich Frauen der chinesischen Oberschicht 1000 Jahre lang unterziehen mussten. Ihre Füße wurden gebrochen und gebunden, auf dass die Dame von Rang auf verwachsenen Knubbeln allenfalls noch respektable Trippelschrittchen machen konnte. Ein ehrenwerter Mann heiratete eine Frau mit gebundenen Füßen. Dieser kollektive Ehrenkodex wurde brüchig, als China sich um 1900 nach politisch-historischen Demütigungen der Moderne öffnete. Die Argumente, die die Gegner des „Lotosfußes“ schon lange vorgebracht hatten, bekamen nun Durchschlagskraft, da China sich vor der Welt lächerlich zu machen drohte. Eine uralte Tradition verschwand, weil die Elite sie plötzlich als unehrenhaft empfand.

Appiahs drittes Beispiel ist die Abschaffung der Sklaverei in Nordamerika. Zwar hatte schon die Aufklärung im 18. Jahrhundert diese moralisch angeprangert. Aber erst von Großbritannien ausgehende Handelsboykotte – kauft keine Produkte, an denen Sklavenschweiß klebt! – begannen die Situation zu ändern. Die Farmer der Südstaaten mussten um ihren guten Ruf fürchten. Die internationale Arbeiterbewegung brachte dann das Ehrgefühl ins Spiel: Harte Arbeit war der Stolz des Proletariers. Und nichts ließ Arbeit so würdelos erscheinen wie die Sklaverei.

Am Ende beschäftigt sich Appiah mit den Ehrenmorden und der Frauenunterdrückung im heutigen paschtunischen Pakistan. Er setzt auch hier, wie beim Füßebinden in China, auf eine Strategie der „kollektiven Beschämung“. Statt die überlegene Moral des Westens und die Menschenrechte ins Feld zu führen, sollte man die Akteure lieber bei ihrem Ehrgefühl packen, auf dass ihnen klar werde, dass ihr Tun auch im islamischen Kontext unehrenhaft sei. Der Ehrbegriff müsse nicht abgeschafft, sondern transformiert werden. „Scham und eine sorgfältig dosierte Lächerlichkeit dürften die Instrumente sein, die wir hier benötigen“, schreibt Appiah. Aber zeigt nicht gerade der Karikaturenstreit der letzten Jahre, dass „Lächerlichkeit“ eine besonders gefährliche Waffe ist?

Appiah ist kein Pessimist. Er zeichnet eine menschliche Gemeinschaft, die den Kurs Richtung Humanität als Verpflichtung empfindet und, ungeachtet aller Rückschläge, an ihrer Zivilisierung arbeitet. Auch wenn sein Begriffsfeld von Ehre, Würde, Respekt, Anerkennung und Gruppenmoral manchmal die trennscharfen Definitionen vermissen lässt, sein Essay überzeugt durch Anschaulichkeit und weiträumige historische Perspektiven. Appiah betreibt Philosophie nicht als akademischen Selbstzweck, es kommt ihm darauf an, die Welt zu verändern.

Kwame Anthony Appiah: Eine Frage der Ehre oder Wie es zu moralischen Revolutionen kommt. Aus dem Englischen von Michael Bischoff. C. H. Beck, 270 S., 24,95 €.

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