Literatur : Pamuk will kein Brückenbauer sein

Der türkische Autor Orhan Pamuk hat am Mittwochabend in Hamburg seinen neuen Bestseller "Istanbul" vorgestellt. Der Literatur-Nobelpreisträger sieht sich nicht als Vermittler zwischen dem Westen und dem Osten.

Hamburg - Pamuk wehrt sich gegen die Rolle eines "Brückenbauers". "Das ist nur ein journalistischer Terminus. Meine Aufgabe besteht nicht darin, den Europäern die Türken und den Türken die Europäer zu erklären, sondern gute Bücher zu schreiben", sagte Pamuk (54) am Mittwochabend bei der Präsentation seines neuen Bestsellers "Istanbul" im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. "Wenn ich solche Fragen trotzdem beantworte, dann tue ich das, weil ich nicht will, dass West und Ost sich streiten. Ich gehöre zu beiden." Der Abend war Start einer Lesereise, die der Autor nach Drohungen türkischer Nationalisten im Februar verschoben hatte.

Im ausverkauften Schauspielhaus erläuterte Pamuk im Gespräch mit Hubert Spiegel, Literaturchef der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Inhalte seines Erinnerungs-Bandes "Istanbul". Außerdem las er daraus auf Türkisch, sein Verleger Michael Krüger (Hanser Verlag, München) auf Deutsch. Pamuk, der ursprünglich Maler werden wollte, verknüpft in dem Werk stimmungsvoll und facettenreich die Geschichte der Stadt bis 1974 mit seiner eigenen Jugend. "Von Istanbul als meinem Schicksal handelt dieses Buch", sagte Pamuk. Das Reich der Fantasie und das Doppelgänger-Motiv spielen dabei wichtige Rollen. In vielen Bildern schildert der Verfasser auch "Hüzün", jene kollektive Melancholie, welche die Stadt präge.

Mit Leibwächter

"Bei "Hüzün" geht es um den Verlust des Osmanischen Reiches vor 150 Jahren. An der Grenze zum reichen Westen gelegen, empfindet man diesen Verlust in Istanbul besonders schmerzlich", sagte Pamuk. Im Gegensatz zu 1974 sei aber aus der Stadt "etwas Reicheres und Farbigeres geworden". Seine eigene Großfamilie war dank der Geschäfte des Großvaters zur Zeit seiner Geburt sehr wohlhabend gewesen, verlor jedoch ihr Vermögen. Abgesehen von drei Jahren in New York hat der Schriftsteller sein Leben in Istanbul verbracht. Nach dem Mord an seinem Freund, dem Armenier Hrant Dink, war Pamuk zu Jahresbeginn in die USA gereist und hatte einen Leibwächter engagiert.

Die weiteren Termine der Lesereise: 3.5. Berlin, 6.5. Köln, 7.5. Stuttgart, 8.5. München. Am 4.5. erhält Pamuk die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin. (tso/dpa)

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