Kultur : Literatur: Rätsel mit Tintenfisch

Volker Sielaff

Als Eugenio Montale im Jahr 1957 in Italien seinen dritten Gedichtband, "La bufera e altro" (Der Sturm und anderes) veröffentlichte, hatte, ein Stück weiter nordwestlich, ein anderer europäischer Dichter gerade sein lyrisches Debüt herausgebracht. "Die Toten suchen ein Haus" hieß das Buch, welches ein Jahr zuvor in den Niederlanden erschienen war. Sein Autor: Cees Nooteboom. Ob dem jungen niederländischen Dichter der Name Montale damals schon etwas sagte?

Jahre später, soviel jedenfalls ist verbürgt, sollte Nooteboom einige der Gedichte seines großen Kollegen ins Niederländische übersetzen, ohne schon, wie er jetzt im Vorwort zur Entdecker-Ausgabe des Europa-Verlages schreibt, über die lyrischen Codes des Italieners im Bilde zu sein.

Das muss man aber auch gar nicht, meint Nooteboom. Zwar könne die Initiation in Geheimlehren, zumal lyrische, durchaus etwas Beglückendes an sich haben, aber nötig sei sie wohl nicht. Und auch wenn seine allegorischen, manchmal dunklen Verse jeder Eindeutigkeit abhold sind - Montale war kein Dichter im Elfenbeinturm. Er mochte es nur nicht, wenn Gedichte wie Konsumartikel behandelt wurden. Bezüglich seines von Kritikern so genannten "schmalen Werks" bekannte er in seiner Nobelpreisrede denn auch trotzig: "Man hat gesagt, es sei eine magere Produktion, vielleicht in der Meinung, der Dichter sei ein Produzent von Waren; Maschinen müssen ja voll ausgelastet sein. Zum Glück ist Dichtung keine Ware. Sie ist eine Erscheinung, von der man herzlich wenig weiß".

Schamane trifft Schamanen

Auf dieses Wenig-Wissen beruft sich nun der Entdecker-Herausgeber Nooteboom bei seiner Montale-Auswahl. Soll man etwas erklären? Nein, man soll am besten einfach nur hinhören: "Ich baue mein Nest / im schwankenden Seegras / und schwimme ins Rätsel hinein", so könnte Nooteboom im Gedanken an Montale gedichtet haben. Cees Nooteboom hat sich in seiner Auswahl auf die ersten drei Bücher Montales beschränkt, was auf Kosten der späten, prosanahen Zyklen der siebziger Jahre geht. Er hat die scharfen Klippen, die Dornbüsche und die Tintenfischknochen, kurz, die ganze geschliffene Reinheit von Montales früher Dichtung, den heiter-sarkastischen Alltagsstrophen von dessen Spätwerk vorgezogen.

Das überrascht nicht, denn den "Vieldeutigkeiten und Anspielungen" und jenem "Helldunkel" der Montaleschen Lyrik fühlt der Metaphysiker Nooteboom sich gewiss verwandt. Das Diskursive, das Parlando, kommt in diesen Dichtungen kaum vor, weder bei Montale noch bei Nooteboom. Umso stärker ist bei beiden die "konzentrierte Ruhe der Meditation", wie der Literaturwissenschaftler Paul Hoffmann einmal mit Blick auf Nootebooms µuvre treffend sagte.

Hier hat ein Schamane einen Schamanen entdeckt. Man kann das Gedicht "Schamane" aus Nootebooms neuem Band auch als Selbstporträt des Dichters lesen, denn immer schon hat dieser sich Doppelgänger gesucht, Geistesverwandte, oft waren es Maler oder Philosophen. Drei Gedichte der Sammlung sind den Vorsokratikern gewidmet, Thales, Empedokles und Xenophanes. Den Bildern Paula Modersohn-Beckers mag er in Worpswede begegnet sein, und auch sein in der holländischen Festungsstadt Aquoy lebender Maler-Freund Miguel Ybanez, dessen Bilder Nooteboom einst zu der Gedichtfolge "Das Gesicht des Auges" führten, ist wieder präsent.

Schicksal aller Schicksale

Wer sich die Bücher Nootebooms und Montales zusammen kauft, kann verborgene Affinitäten entdecken. So heißt es bei Montale: "Die dunklen Dinge streben nach der Helle, / die Körper, aufgezehrt, vergehn in Wellen / von Farben; sie wieder in Tönen. Und das Schwinden / ist so das Schicksal aller Schicksale." Und bei Nooteboom findet sich in dem Gedicht "Garten": "Und am Ende des Tages die Erinnerung / an anderes; dunkel, verborgen, unsagbar, / das was noch kommen muß, das was gewesen war, / was niemand gesehen hat."

Etwas von dem, "was niemand gesehen hat", können wir jetzt in diesen von Hanno Helbling (Montale) und Ard Posthuma (Nooteboom) ins Deutsche übertragenen Gedichten lesen. Es geht nicht darum, diese Rätselgebilde zu verstehen, denn nach Montales Überzeugung würde kein Dichter auch nur einen Vers geschrieben haben, wenn "das Problem der Dichtung darin bestünde, sich verständlich zu machen". "Gesloten Gedichten" hieß nicht zufällig ein früher Gedichtband Cees Nootebooms, und genau diese Welt des "trobar clus der Trobadoure", diese zum Rätsel geschlossene Welt mag es auch gewesen sein, die Nooteboom so für die Gedichte seines italienischen Kollegen eingenommen hat.

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