Literatur : Rolle vorwärts

Um den Streit zwischen einem Autor und einer Journalistin zu schlichten, schlug Heinrich Maria Ledig-Rowohlt Purzelbäume. Heute wäre der Verleger 100 Jahre alt geworden.

Hans-Peter Kunisch

Mit am schönsten müssen seine Purzelbäume gewesen sein. Viele Schriftsteller erzählen von ihnen, und Heinrich Maria Ledig-Rowohlt will per Akrobatik sogar eine schwierige Situation gerettet haben. Als die wohl betrunkene amerikanische Journalistin Martha Dodd den sicher betrunkenenSchriftsteller Thomas Wolfe an einem Berliner Abend Mitte der 1930er Jahre in der amerikanischen Botschaft mit dem pathetischen Spruch beleidigte, er solle sein großes Talent nicht durch den Suff zerstören, begann der friedliche, aber impulsive Riese Wolfe Frau Dodd zu beschimpfen.

Gerade hatte er erfahren, dass sein Roman „Zeit und Strom“ in den USA ein Riesenerfolg zu werden verspreche, und nun das! Die Journalistin lag schon schluchzend auf der Couch. „Ich war ratlos“, erinnert sich Verleger Ledig-Rowohlt, „die Spannung ging mir auf die Nerven. Schließlich versuchte ich, die Szene ins Komische zu ziehen und begann still vor mich hin Purzelbäume zu schlagen, hin und her über den weichen Teppich, vorwärts und rückwärts“, bis ihn Wolfe bemerkte. Er habe sofort verstanden. „Er stürmte auf mich zu, umarmte mich in herzlichem Überschwang und hätte mich mit seinen Armen fast erdrückt: ‚Henry, you are a great sport, you’re wonderful!' Auch Martha Dodd lächelte.“

So erzählt es Ledig-Rowohlt, Sohn der Schauspielerin Maria Ledig und Ernst Rowohlts, in einer autobiografischen Erzählung, die 1948 in der Zeitschrift „Der Monat“ veröffentlicht wurde. Ledig-Rowohlt kommentiert darin auch das schillernde Porträt, das Wolfe in seinem Roman „Es führt kein Weg zurück“ von ihm gezeichnet hatte, versucht seine zerrissene Haltung während der Nazi-Zeit zu erläutern, und zeigt, dass er nicht nur ein guter Übersetzer, sondern auch ein erstaunlicher Schriftsteller war.

Berühmt wurde Ledig-Rowohlt mit anderen Sachen. 1946, als Nachkriegsdeutschland nach ausländischen Romanen gierte, hatte er die Idee, Bücher auf Zeitungspapier im Rotationsdruck herzustellen. Eine dem Purzelbaum-System verwandte Methode, die das Drucktempo beschleunigte. Hemingways „In einem anderen Land“ gehörte zu den ersten Büchern, die so ins Deutsche kamen. 1949 lernte Ledig-Rowohlt auf einer Amerikareise die pocketbooks kennen. Noch mehr Tempo, Literatur für Leute mit wenig Geld! Das Taschenbuch war geboren. Einem misstrauischen deutschen Bankier soll er die Idee schmackhaft gemacht haben, indem er im Garten seiner Hamburger Villa auf einem amerikanischen Exemplar herumtrampelte. Gucken Sie, wie widerstandsfähig die sind! Der Bankier blieb misstrauisch, verlor sein Geld bei einer Vasenradio-Fabrik – und Rowohlt hatte Erfolg.

Sartre, Camus, Italo Suevo, Nabokov waren Autoren, die Rowohlt übersetzen ließ, und natürlich die Amerikaner wie Malcolm Lowry, Harold Brodkey oder Updike. Sicher, es hatte auch Robert Musil und Hans Fallada gegeben, es gibt Rolf Hochhuth und Peter Rühmkorf, doch woher kam dieser auffällige Erfolg mit anderen Literaturen? Durch gute Lektoren, durch Rowohlts Frau Lady Jane, die auch bei den legendären Übersetzungstreffen mit dabei war, an denen in Zweifelsfällen tagelang aus Manuskripten vorgetragen wurde. Der Hauptgrund aber könnte seine Neugier gewesen sein: Der Schriftsteller Jürgen Becker erzählte einmal, dass Rowohlt, wenn er von einem jungen Autor hörte, aufhorchte, „wie ein amerikanischer Bankräuber bei einem beinahe sicheren Tipp.“

Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, dieser schillernde Verlegercharakter, der 1992 auf einer Tagung in Neu Delhi starb, erblickte am 12. März 1908 das Licht der Welt, im gleichen Jahr wie der von Vater Ernst gegründete Verlag. Nun ist es ein doppelter 100. Geburtstag: Die Jubiläumsfestivitäten beginnen heute auf der Leipziger Buchmesse . Hans-Peter Kunisch

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