Kultur : Literatur: Spermien und andere Lebensfäden

Ulrike Baureithel

Manchmal bleiben einem Romane nur aufgrund einer bestimmten Situation in Erinnerung: In Peter Schneiders vor zehn Jahren veröffentlichtem Roman "Paarungen" war es die Szene, in der die Hauptfigur Edouard mit einem in einem Skihandschuh geborgenen Plastikbecher zwischen den Beinen in halsbrecherischem Tempo durch Berlin zum Labor fährt, wo seine "Lebensfäden" auf reproduktive Tauglichkeit getestet werden sollen. So sieht sich Schneiders Protagonist aufgefordert, im "falschen Leben" einzurichten.

Der auf Edouard folgenden Generation ist das richtige Leben im Falschen höchstens noch eine Frage der Ästhetik: in die richtigen Bars zu gehen, die richtigen Klamotten zu kaufen, die richtige Musik zu hören. Auch für Michael Lindberg, Anfang dreißig und irgendwie in fester Beziehung lebend, steht sein Lebensentwurf nicht zur Debatte. Als erfolgreicher Berliner Filmproduzent, dem Medien- und Gefühlswelt gleichermaßen zum Stoff geworden sind, kann er sich durchaus auch in das Bild eines Familienvaters projizieren, weil sich Kinder in der Vita gut machen und und zum Selbstverwirklichungsentwurf passen.

Doch dann steht plötzlich auch Lindberg mit dem "warmen Reagenzröhrchen in der Jackentasche" an der Kreuzung seiner Existenz. Denn der Befund, den ihm der Andrologeeröffnet, ist niederschmetternd: nicht zeugungsfähig. Zunächst geht "Michi" ganz cool mit der Mitteilung um, als sei da eben nur das private Unternehmensziel zu ändern. Zwischen dem Blick auf das Palm Top und Verrichtungen als Hobbykoch teilt er seiner Freundin mit: Bea-Baby, es geht nur um die Umpolung der Zukunft. Lindbergs Stress beginnt, als Bea sich zu keiner Stellungnahme bereit zeigt. Michi, der Mann, der in der Fiktion lebt, das Steuer zu übernehmen, wenn alles schon zu spät scheint, verliert zusehends die Kontrolle und schaltet auf Autopilot.

"Autopilot" betitelt der Fernsehjournalist Norbert Kron auch sein literarisches Debüt, das kenntnisreich in den Medienpark Berlin führt und unterschiedliche Typen des Mediengeschäfts vorführt: den aufstiegsorientierten, so anpassungsfähigen wie rücksichtslosen Hagen, die talentierte, aber an der "Kinderfalle" gescheiterte Filmfrau Cindy und Tello, den genialen Chaoten, die gemeinsam das Lindbergsche Luftschiff antreiben; darüber hinaus den schwäbelnden Programmdirektor eines Privatsenders samt seiner devoten Assistentin; und die in dieser Maschine immer neu gezeugten Geschöpfe, die Moderatoren und ihre guests.

Diese produzieren und verschwinden lassen zu können, ist Lindbergs Macht, die ihn fasziniert und gelegentlich beunruhigt, weil ihn die Frage, was hinter den Bildern steckt, nicht loslässt. Doch wenn sich das eine Format tot läuft, muss ein neues geschaffen werden. Mit "Talk der Täter", in dem der ehemalige Bilderdieb Doyen DuChenier mit special guests über deren kriminelle Abgründe plaudern soll, scheint Lindberg auf einer sensationellen Spur. Doch DuChenier ist eine zwielichtige Figur und unterläuft von Anfang an die ihm zugeschriebene Rolle. Unter Laborbedingungen, in vitro, wird so nicht nur Lindbergs Zeugungskraft auf die Probe gestellt, auch als Produzent laufen ihm die "Fäden" aus dem Ruder.

Erschüttert über die Tatsache, dass ihm das "Medium Kind", in dem er sich verewigen kann, entzogen bleibt und irritiert von Beas Gleichgültigkeit, verlässt Michi die gemeinsamen Wohnung und stürzt sich in die Nachtclubwelt. Nur noch auf sich selbst bezogen, imaginiert er sich als "Eine-Person-Maschinen-Einheit", aus deren Bewegung "irgendeine Tat hervorgehen musste": "Ich werde hinter den Bildern hervortreten, aus dem toten Punkt der Projektion, selbst Projektion werden". Doch nicht nur zum Vater, sondern auch zum Gangster fehlt ihm das "Projektil". Michael Lindberg ist ein Pilot, dem es am Ende an der Kraft mangelt, die Grenze zu überschreiten: Seine Maschine stoppt, Abbruch der Operation. Das Bild, das er durch den Einsatz seines Körpers zum sprechen bringen wollte, schweigt. Bestechend an dieser gescheiterten Selbstverkündigung ist die Leichtigkeit, mit der der 1965 geborene Norbert Kron zwischen den Ebenen laviert, wie die Repro-Medizin dazu dient, die Medienwelt zu erklären und das mediale Zeichen zum Garanten dafür wird, dass die Gattung Mensch noch eine Zukunft hat. Irritierend aber auch, dass beide Ebenen mittlerweile umständelos kommunizierbar sind.

Da ist viel Theorie in die Schrift geflossen. Denn dieser Lindberg kommt als Prototyp des flexiblen Menschen daher, geübt im helicopter view eines Paul Virilio, sich selbst als autopoietisches System entwerfend. Der theoretische Unterbau gerät - obwohl der Roman süffig geschrieben ist - nicht immer zum Vorteil des Buchs, das gelegentlich den Eindruck vermittelt, der Autor habe sich wie sein Protagonist die kursiv gesetzten Merkzettel für das Selbstmonitoring auf den Spiegel geklebt. Der Mann hinter dem Nachrichtenpult, der als reitender Bote den Roman einleitet, scheint sich die "Botschaft hinter der Botschaft" nicht verkneifen zu können.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben