Kultur : Literatur: Sue Ellen lebt!

Nicole Henneberg

Oh, was haben wir gezittert mit der armen Sue Ellen: jeder ihrer Alkoholabstürze tat uns weh, jede neue Gemeinheit ihres fiesen J.R. galt uns persönlich. Ja, "Dallas" war eine perfekt gemachte Seifenoper: mit klar und eindimensional gezeichneten Figuren, die nur gerade soviel innere Ambivalenzen besaßen, um glaubwürdig zu bleiben; mit einer in gleichförmigen dramatischen Bögen ablaufenden Handlung, die Millionen von Zuschauern über Wochen hinweg in Spannung hielt. Genau das schafft auch Isabel Allendes neuer Roman "Porträt in Sepia" auch: Er ist von der ersten bis zur vierhundertsechzigsten Seite spannend, und die Warnung der Erzählerin, für die folgende Geschichte brauche es Geduld, kokett.

Natürlich lässt sich das Leben Auroras, das der Roman beginnend mit den Großeltern erzählt, nur bedingt mit dem von Sue Ellen vergleichen. Zwar leben beide in reichen Familien, und Santiago ist für uns genauso weit weg wie Dallas; aber Isabel Allende, Nichte des 1973 ermordeten chilenischen Präsidenten Salvador Allende, ist eine bekennende Linke, der vor allem die weibliche Emanzipation am Herzen liegt. Bevor sie 1975 der chilenischen Militärdiktatur entfloh und dann in die USA ins Exil ging, arbeitete sie als Journalistin und schrieb mit wütender Ironie gegen den ungebrochenen Machismo in der chilenischen Gesellschaft an: "Zähme deinen Troglodyten" (sprich: Ehemann) hieß eine Sammlung ihrer kämpferischen Artikel.

Immer stehen selbstbewusste Frauen im Zentrum von Isabel Allendes Romanen - Vorreiterinnen in Sachen Selbstbestimmung. Sie sind nicht nur stark und mutig, sondern für die damaligen Verhältnisse - der soeben erschienene Roman spielt zwischen 1862 und 1910 - geradezu tollkühn. Da ist zum Beispiel Eliza, Auroras Großmutter mütterlicherseits, die mit sechzehn Jahren als blinder Passagier auf einem Frachtschiff versteckt, dem Vater ihres ungeborenen Kindes um die halbe Welt nachreist, schließlich in San Francisco strandet und dort die Geliebte und spätere Ehefrau eines chinesischen Arztes wird. Oder Paulina, die mächtige Urmutter der ganzen Sippe, die von Santiago nach San Francisco auswandert, um dort eine erfolgreiche Geschäftsfrau zu werden.

Ihr untrüglicher Geschäftsinstinkt wird in der Stadt bald legendär: so investiert sie in Krisenzeiten in Zucker, da die Leute dann mehr Süßes essen, wie sie sagt. Ihr Reichtum ist schließlich so gewaltig, dass er noch für mindestens drei Generationen ausreicht. Und Nivea, Auroras Tante, die zehn Kinder zur Welt bringt, ist dabei auch noch eine fulminante Liebhaberin und - ihr Tag muss länger als vierundzwanzig Stunden dauern - eine unermüdliche Kämpferin für demokratische Reformen und besonders die Rechte der Frauen ist. Als die einsame und heimwehkranke Paulina im Alter mit ihrer Enkelin Aurora nach Chile zurückkehrt, bringt sie, zum Entsetzen ihrer konservativen Familie, amerikanische Ideen mit und gründet einen humanitären Damenclub, der aber nicht, wie in Santiagos besserer Gesellschaft damals üblich, nur Almosen verteilt, sondern Hilfe zur Selbsthilfe leistet: er gewährt mittellosen Frauen, die sich selbstständig machen wollen, Kredite, um Geschäftsgründungen zu ermöglich. Die Idee ist so erfolgreich, dass sogar die Regierung sie aufgreift.

Aber um 1900 in Chile ist das alles wohl zu ideal, um wahr zu sein. Zwar bekennt sich Isabel Allende dazu, aufklären und unterhalten zu wollen, aber ihre Heldinnen sind ihrer Zeit politisch und moralisch so weit voraus, sind so aufgeklärt und innerlich unabhängig, dass sie eher in einen sozialistisch-realistischen Roman passten als in einen historischen. Aber vielleicht muss das wegen der Erzählsymmetrie so sein. Wie sollten sie sonst dem Sturm des Schicksals standhalten, der mit einer solchen Stoffülle über sie hinwegfegt, dass man als Leser fast den Faden verliert? Aber nur fast, denn die Erzählerin Allende steht, was erzählerische Gewandtheit angeht, den Drehbuchschreibern von "Dallas" in nichts nach.

Doch es gibt auch ruhige, konzentriert beobachtende Passagen in diesem Roman, die von der Chronistenleidenschaft der Autorin zeugen. So folgt die jungverheiratete Aurora gezwungenermaßen ihrem Ehemann auf dessen Hazienda und entdeckt dort, am Fuße der Anden, die für sie ganz neue, anrührende Welt der Indios und Landarbeiter und die Welt ihrer Herren, einer konservativen, katholischen Gutsherrenfamilie. Mit der Kamera versucht sie dieses lebendige Gesicht Chiles einzufangen, denn hier, das wird ihr klar, treten die Wurzeln und Prägungen des Landes zutage. Wobei sich die Fotographie als ideales Medium erweist: vor der Kamera beginnen die Menschen sich, nach anfänglicher Befangenheit, zu öffnen; Gesichter und Körper beginnen ihre individuelle Geschichte zu erzählen.

So tief ergriffen ist die junge Frau von ihren Modellen, dass sie ganz den ihr eigenen Sarkasmus vergisst, der sie sonst so sympathisch macht, und mit dem sie sich gegen das moralische und religiöse Getue ihrer bourgeoisen Familie gewehrt hat. Und in diesem Punkt ist die Erzählerin gewiss ein Alter ego der Autorin, denn genau hier, auf dem schmalen Grad zwischen Recherche, Spott und Affekt liegt Isabel Allendes Schreibort - und der Grund für ihr Exil.

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