Kultur : Literatur: Tote tragen keine Kappen

Stephan Maus

Ein cinephiles Milchgesicht mit übermächtiger Monstermutter im Rücken und einem scharfen Messer in der Gesäßtasche. Eine bis zur glühenden Gürtellinie gelähmte, aber noch lange nicht libidoerlöste Mutter im Hitchcockschen Psycho-Rollstuhl. Ein zerknautschter Privatdetektiv mit fortschreitender Leber- und Herzzirrhose. Ein weiblicher Hollywood-Tycoon, ein glamouröser Super-Cop, der karrierehungrig auf seiner Zigarettenspitze kaut, die er regelmäßig in die Blitzlichtgewitter der Yellow Press taucht. Fünf zur Ader gelassene Tote, ebenso viele abgeschnittene Ohren in einem roten Samttuch. Und das pfeifenrauchende Phantom von Jack the Ripper in diversen Ohrensesseln: Aus diesem Bastelbogen voller bunter Scherenschnitte hat José Pablo Feinmann seine Pulp-Fiction "Die Verbrechen des Van Gogh" gestanzt.

Berufsziel: Serienmörder

Fernando Castelli arbeitet wie ehemals Quentin Tarantino in einer Videothek. Nebenher schenkt er Kaffee im Konferenzraum der argentinischen Dépendance einer amerikanischen Hollywood-Produktionsgesellschaft aus. Seine Mutter, seine Chefs, ja das Leben überhaupt erniedrigen ihn. Er flieht in Zelluloid-Träume. Im Buenos Aires der Neunziger lockt Castelli nur eine einzige Berufsperspektive: Er will Serienmörder werden, aus all seinen Morden ein Drehbuch stricken, um es für drei Millionen Dollar als true story nach Hollywood zu verkaufen. Sexuell noch grün hinter den Ohren, sammelt Fernando bevorzugt Frauenohren, die er seinen Mordopfern abschneidet. Klassisch. Mit der blutigen Schnittkante des allseits beliebten Hörorgans signiert er den Tatort mit seinem Künstlernamen: Van Gogh. Währenddessen laben sich perverse Hauskatzen am Frauenblut, das in die Teppiche sickert. Man sieht: Feinmann träumt von schwarzem Humor, bitterböser Parodie der amerikanischen Populärkultur, bissiger Kritik an den Mechanismen der Unterhaltungsindustrie und vielleicht auch ein bisschen vom Drei-Millionen-Dollar-Deal.

Der Argentinier wollte eine originelle Pulp-Farce, eine Trash-Groteske schreiben, doch man meint, einem Ed Wood-Film in der Bearbeitung der Augsburger Puppenkiste beizuwohnen. So viel Blut fließt, so anämisch sind die Figuren. Aus dem Hals der Opfer ergießt sich ein Schwall von Kunstblut, aus Feinmanns "tödlich entschlossenem Gehirn" ein unkontrollierter Wortschwall: "Nicht nur ihr Herz pochte, auch ihr ganzer Körper, denn alles an ihr war ein unablässiges Pulsieren. Ihre forsche Art schlug eine Bresche in die Wirklichkeit, und es war, als wiche alles von ihrer Seite, um ihr Raum zum Atmen, zum Sprechen, zum Gestikulieren, kurz, zum Leben zu geben."

Humorvoll inspirierte Groschenheft-Parodie oder ziellos herumkleckernder Nonsens? Durch Feinmanns karnevalistischen Kalauer-Klamauk schimmert stupidester Kulturkonservatismus, der sich gegen den allgemeinen Sittenzerfall, die Hollywoodisierung Argentiniens, die bös, bös surrende Medienmaschine und die Daddel-Produkte der Unterhaltungsindustrie wendet: "Das Videospiel war ein überwältigender Erfolg. Unzählige Jugendliche wollten Kehlen aufschlitzen und Ohren abschneiden, um an den Schatz der alten Dame zu gelangen." Wen erschrecken sie nicht, diese unzähligen jugendlichen Jäger des verwitweten Schatzes. Eine Kapitelüberschrift heißt tatsächlich "Massenmedien im Rausch". Ihr folgt eine zahnlose Mediensatire, die nicht einmal amüsant wäre, kennte man all die persiflierten argentinischen Nachrichtensprecher, Moderatoren und Starreporter namentlich.

Bedarf es noch der gnadenlosen Entlarvung z. B. eines Pastors Fliege als gottloser Schuft? Natürlich sind Paul Sahner & Co virulente Sodbranderreger. Und weiter? Eine der weniger ergründeten Zumutungen der hirnverschmorten Globalisierung ist der Fluch, in Argentinien dieselben stumpfen satirischen Spitzen konsumieren zu müssen wie in einem sozialkritischen Kabarett im geistlos vor sich hinschwabbelnden Speckgürtel von Iserlohn. Und die brackige 08/15-Moral von Ulrich Wickert wird sicher noch am verwuchertsten Seitenarm des Amazonas gepredigt. Wie von der Tarantino-Tarantula gestochen, versucht Feinmann, alles zu parodieren, was seine Lieblingsvideothek im Sonderangebot hat. Doch was heißt parodieren. Er schreibt einfach hin, was aus der Kiste vor ihm flimmert: Daily Soap, Infotainment, Kinoklassiker, Werbeeinblendung, wurscht, alles wird eins zu eins vom hysterischen Quasselmedium in den geduldigen Blocksatz gehievt.

Statt mit Versatzstücken der populären Kultur zu spielen, sie humorvoll zu verfremden, aus ihnen die latente Poesie zu destillieren,vielleicht ein linkisches Streben nach großen Gefühlen herauszupräparieren, klittert Feinmann lieblos ein Genrezitat ans andere. Parodie bedeutet kritische Transzendenz, nicht beliebig kopierenden Firlefanz. Man möchte nicht über fast 300 Seiten nur Gemeinplätze lesen wie "Die Wunden des Herzen vernarben." Manchmal müssen Feinmann Selbstzweifel angekommen sein, denn immer wieder feuert er sich mit unverhohlenem Eigenlob an: "Mir gefallen Ihre Dialoge. Und das sind meine gesprochenen. Meine geschriebenen sind viel besser." Geht so. Beide stammen nämlich aus Feinmanns schief angeschnittener Feder.

Die Schönheit von Ohrmuscheln

Sprachlich bewegt sich sein Roman auf dem Niveau von gewollt lustigen Comedy-Resümees in manchen Programmzeitschriften. "Die Verbrechen des Van Gogh" klingen wie ein schlecht synchronisierter B-Movie. Dass eben dies Feinmanns Absicht gewesen sein könnte, macht seinen Text nicht komischer. Sonst kann man demnächst auch Wolfgang Petry als begnadeten Subtexter rezipieren. Sinnvolle Herausforderung aller B-Kultur-Parodien kann nur die Produktion von A-Kultur sein. Feinmann hat ein C-Buch geschrieben. Doch die Bildchen mit den herrlich ovalen, erfreulich sparsam verknorpelten Ohrmuscheln, die jedem der fünf Kapitel vorangehen, sind sehr hübsch. Nun gibt es also auch schon Ohrmuschelmodels.

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